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TENO – ein europäisches Orchester

TENO – ein europäisches Orchester
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Foto: Ralf-Thomas Lindner

„Die besten Dinge verdanken wir dem Zufall“, postuliert der italienische Abenteurer und Schriftsteller Giacomo Girolamo Casanova. Eine unbekannte Quelle ergänzt: „Auf den Zufall bauen ist Torheit, den Zufall benutzen ist Klugheit.“ Mit diesen beiden Sprüchen ist die Entstehung des „The European Naval Orchestra“ (TENO) fast umfassend erklärt. Nehmen wir der Vollständigkeit halber noch zwei Autoren dazu: Andreas Hollemann („Wer eingeschlafen ist, kann seine Träume nicht verwirklichen.“) und Theodor Storm („‚Nein‘, schrie Häwelmannn, ‚mehr, mehr!'“). Nun haben wir TENO!

Angefangen hat alles im Jahr 2016 mit einem Konzert der »Original Tiroler Kaiserjägermusik« im niedersächsischen Stelle unter der Leitung von Militärkapellmeister Oberst Professor Hannes Apfolterer (»Ich bin der Hannes!«). Damit waren die ersten Kontakte nach Norddeutschland geknüpft. Als einige Zeit später der »Reservistenmusikzug Marineorchester Hamburg« wegen der Erkrankung seines Leiters an Apfolterer wegen einer Vertretung herantrat, war dieser sofort bereit einzuspringen. Es kam nicht dazu – aber der Kontakt zur Marine (und abermals nach Norddeutschland, nach Hamburg) war aufgenommen.

Eigentlich war alles in Ordnung, ging seinen geregelten Gang. Apfolterer hat seine Arbeit als Militärmusiker in Österreich, aber er denkt weiter: Bald steht seine Pensionierung an und ein wenig Musik möchte er als Dirigent auch danach noch machen. Seine vielfältigen Erfahrungen als Militärmusiker würde er auch gern noch an die nächste Generation weitergeben – im Gespräch mit ihm merkt man, wie sehr er ein von Herzblut angetriebener Pädagoge ist. Und dann ist da noch (Traum!) eine neue Klangvorstellung in seinem Kopf, die er gern verwirklichen (= hören) möchte.

In Hamburg treffen sich Apfolterer, Pagels und Schuda

Sonja Pagels spielt Klarinette und Saxofon. Ihre Eltern waren bei der Bundeswehr – sie wäre dort auch gern hingegangen. Zu der Zeit als die Berufswahl anstand, gab es für Frauen noch keine vernünftigen beruflichen Möglichkeiten bei der Bundeswehr. Also trat sie Jahre später in den Reservistenmusikzug Hamburg ein. Um dort Uniform tragen zu dürfen, nahm sie an einem Kurzlehrgang der Bundeswehr, auch einen Tag beim Ausbildungsmusikkorps in Hilden, teil und wurde als Flieger der Reserve aufgenommen. Mit einer Sondergenehmigung darf sie – weil der Reservistenmusikzug ein Marineorchester ist – Marineuniform tragen.

In Hamburg treffen sich (Zufall!) Apfolterer, Pagels und Nikolaus Schuda, ein weiteres Mitglied des Reservistenmusikzuges. Sie kommen ins Gespräch und träumen gemeinsam über ihre Wünsche – Pagels und Schuda möchten gern mehr (Hävelmann!) Musik machen, mehr unbekannte und anspruchsvollere Musik spielen, über ihr eigenes Niveau hinauswachsen, sich weiterentwickeln. – Nun ist es eine alte Weisheit, dass man sich um die Dinge, die man am sehnlichsten begehrt auch selbst in die Hand nehmen und erschaffen muss. So beschließen die drei Musiker die Gründung eines neuen Orchesters.

Altbewährtes wird bei der Gründung erst einmal übernommen. So ist die stilistische Ausrichtung (zunächst!) die eines sinfonisches Blasorchesters. Als Mitwirkende sollen in erster Linie Militärmusiker angesprochen werden, das Orchester soll also ein Militärmusikkorps werden. Als Standort soll Hamburg fungieren. Die maritime Ausrichtung ist mit Hamburg und der Herkunft von Pagels und Schuda letztlich auch vorgegeben. (Für Apfolterer ist die Uniform »nicht so wichtig«.) Es ist der 1. August 2023 – TENO ist geboren!

Teno
Foto: Ralf-Thomas Lindner

Mit Eifer an die Arbeit

Die drei Gründer machen sich mit Eifer an die Arbeit. Es gilt wirklich alles von Grund auf zu planen und natürlich auch zu realisieren. Das Ziel ist hoch gegriffen und mag den einen oder anderen Besucher der TENO-Homepage für einen Moment irritieren: »Zielsetzung ist der Aufbau eines allseits kompetenten Orchesters mit besonders motivierten Musikerinnen und Musikern aus Europa. Dieses europäische Orchester soll eine elitäre Gruppe bilden und in keiner Konkurrenz zu anderen Verbänden stehen.« Ein möglicherweise weiter Weg!

Es ist ein Unternehmen, das bei »Null« startet. Nichts ist vorhanden, keine Infrastruktur, keine Musiker und natürlich auch kein Geld. Schnell findet man über vorhandene Kontakte Mitstreiter, in erster Linie das Landeskommando Hamburg der Bundeswehr, das sich sehr zugewandt und freigiebig zeigt. Immerhin ist ein Orchester mit um die einhundert Musikern geplant – die benötigen neben einem großen Probenraum auch Verpflegung und Unterkunft. Das alles stellt das Landeskommando (gegen einen kleinen Obolus) zur Verfügung. Vielleicht ist da auch schon ein wenig der Hintergedanke, dass man das Orchester bei Bedarf auch für bundeswehr-dienstliche Zwecke chartern kann, denn von den 15 eigenen Musikeinheiten der Deutschen Bundeswehr ist keine in Hamburg stationiert.

Wirklich alles muss von Grund auf gestaltet werden. Das Schlagzeug wird teilweise ausgeliehen, die Pauken neu angeschafft – die drei Gründungsmitglieder übernehmen viele Kosten aus der eigenen Tasche. Kontakte müssen geknüpft werden. Ein Logo wird gestaltet, eine Homepage ins Netz gestellt. Erste Auftrittsorte werden gesucht – für ein völlig unbekanntes und noch nicht existierendes Orchester eine schwierige Aufgabe. Nicht alle Institutionen – auch gerade die, die man gerade wegen ihrer eigenen inhaltlichen Ausrichtung an seiner Seite wähnte – sind von Anfang an begeistert und offen für das Projekt.

Eintragung in das Hamburger Vereinsregister

Im Juni 2024 erfolgt die Eintragung des Orchesters in das Hamburger Vereinsregister. Die mit dieser Eintragung verbundene Gemeinnützigkeit ist von zentraler Bedeutung für die Finanzierung der Arbeit, da man nun Spendern steuerbegünstigende Quittungen ausstellen kann – das spült ein wenig Geld in die Kasse. Einen nicht zu unterschätzenden Ausgabenposten kann das Orchester mit eigenen Kräften stemmen: die Noten für die Instrumentalisten. Apfolterer hat viel Erfahrung mit dem Arrangieren von Musik. Fast alle Arrangements, die das Orchester spielt, hat er selbst erstellt. Das spart nicht nur Geld, sondern gibt Apfolterer die Möglichkeit, dem Orchester die Musik quasi auf den Leib zu schreiben, die konkrete Besetzung im Blick zu haben und die Stärken und Schwächen einzelner Musiker zu berücksichtigen.

Beitreten kann dem Orchester jeder aktive oder ehemalige Militärmusiker aller Waffengattungen, jeder aktive oder ehemalige Berufsmusiker und speziell ausgewählte Amateur-Musiker – so steht es auf der TENO-Homepage. Bohrt man im Interview ein wenig nach, geht es aber in allererster Linie um die musikalischen Qualitäten und Fähigkeiten der Instrumentalisten. Von seinen ersten Proben mit dem Orchester berichtet Apfolterer, dass viele der Instrumentalisten – trotz ihrer guten Ausbildung und ihrer teils langen Erfahrung – grundlegende Techniken des Orchesterspiels nicht oder nicht mehr beherrschen, etwa die Tatsache, dass man immer wieder mal zum Dirigenten schauen sollte.

Apfolterer ist ein Perfektionist

Apfolterer ist ein Perfektionist und ein langjähriger Profi ohne jegliche Starallüren. Er weiß, dass man nur vernünftig arbeiten kann, wenn die Grundlagen gemeinsamen Musizierens bei allen Mitwirkenden gleichermaßen vorhanden und abrufbar sind. Die TENO-Musiker wollen lernen und herausragend gut sein – deshalb folgen sie Apfolterer. Dessen Hauptaugenmerk liegt immer auf dem Klang, den das Orchester real erzeugt. Daran arbeitet er konsequent und unnachgiebig. Jede seiner Proben ist deswegen anders, speziell auf das Werk, das geprobt wird, und die Situation aus Proben- oder Aufführungsort und mitspielenden Musikern zugeschnitten.

Am Ende muss die Musik zum Publikum rübergehen, auf das Publikum übergehen und es emotional berühren. Dabei ist es egal, wie trivial oder hochkünstlerisch die gespielten Werke sind – wenn sie das Publikum nicht erreichen, dann ist irgendetwas schiefgelaufen. Das Programm, das Apfolterer für Konzerte zusammenstellt ist also nicht nur in sich schlüssig, sondern hat auch immer einen klaren Blick auf das zu erwartende Publikum. Menschen sind Apfolterer wichtig: Das Publikum – selbstverständlich. TENO spielt ausschließlich Benefizkonzerte – für Menschen, die Hilfe benötigen. In der Tradition der Militärmusik ist Völkerverständigung einer der grundlegenden Werte der gemeinsamen Arbeit.

Teno
Foto: Ralf-Thomas Lindner

Diesem Konzept sind im ersten Jahr etwa 40 Musiker gefolgt: Erste Proben, auch öffentlich. Dann – quasi als erster »Auftritt« – folgte die Produktion eines Videos mit dem von Apfolterer komponierten »Gebet eines Soldaten / Musikalische Elegie für alle auf See gebliebenen« am U-Boot Ehrenmal Möltenort in Heikendorf bei Kiel. Drei- bis viermal jährlich probt das Orchester, einmal im Jahr gibt es einen großen Auftritt. 2025 war der erste öffentliche und gut besuchte Auftritt von TENNO im Segelclub »Am Ort« in Eckernförde. Im kommenden Jahr soll es zum Auftritt ins Allgäu gehen.

Ein klassisches sinfonisches Blasorchester

Mittlerweile ist das Orchester auf 95 Mitglieder angewachsen., die aus 13 Staaten zum Musik machen zusammenkommen – ein klassisches sinfonisches Blasorchester. »Immer besser« will Apfolterer mit seinen Mitstreitern werden, das ist das Ziel. Am Ende bleibt dann noch sein Traum: Möglichst bald möchte er den klassischen reinen Bläserklang dieser Militärmusikkapelle mit einer kleinen Streichergruppe mit etwa 20 Musikern unterlegen – als Stütze und Klangverstärkung, also mit ganz anderer Funktion als im klassischen Sinfonieorchester. Mit dieser sehr speziellen Klangidee hat er schon gelegentlich einmal probeweise in anderen Orchestern gearbeitet – aber bald soll es der für TENO typische und unverkennbare Klang werden.

www.the-european-naval-orchestra.eu/

Ralf-Thomas Lindner