Swing, Jazz, Rock und Pop: Die Big Band der Bundeswehr ist seit 55 Jahren das Show- und Unterhaltungsorchester der Bundeswehr. Seit September ist Oberstleutnant Tobias Terhardt der neue Bandleader, der achte seit Günter Noris. Brawoo hat den 45-Jährigen an seiner neuen Wirkungsstätte in der Mercator-Kaserne in Euskirchen besucht.
Oberstleutnant Tobias Terhardt, vor der Big Band der Bundeswehr haben Sie das Heeresmusikkorps Kassel geleitet. Wie fühlt sich dieser Wechsel an?
Es ist in jeder Hinsicht eine Besonderheit, weil die Big Band der Bundeswehr ein völlig anderes Aufgabenprofil hat, als ich das bisher von einem Militärorchester gewohnt war. Mit dem Heeresmusikkorps Kassel als symphonisches Blasorchester hatten wir im militärischen Kontext Auftritte, also Gelöbnisse, Kommandowechsel, Serenaden sowie die Wohltätigkeitskonzerte. Die Big Band der Bundeswehr macht Öffentlichkeitsarbeit und Imagepflege im großen Stil. Bei den Open-Air-Konzerten tritt das Ensemble auf einer Riesenbühne auf, mit sehr viel Material und Aufwand. Dass man Teil eines Showprogramms ist, macht es hier besonders.
Bei Open-Air-Konzerten haben wir fast immer mehr als tausend Leute und auch die Indoor-Konzerte sind meist groß aufgestellt, mit 800, 900 Zuschauern. Hinzu kommen einzelne Einsätze mit kleineren Besetzungen für den Minister oder das Protokoll in Berlin, Clubkonzerte mit einem reinen Jazzprogramm und natürlich die Bälle, die wir beispielsweise für die Luftwaffe oder das Heer spielen. Das sind Tanzveranstaltungen, die von abends 20 Uhr bis nachts 2 Uhr gehen. Es ist ein völlig anderes Profil, aber all das, was wir machen, ist sehr reizvoll.
Auch musikalisch dürfte es ein Umschwung gewesen sein, oder?
Ja, absolut. Bei Konzerten des Musikkorps hatten wir immer eine eher klassische erste und eine modernere zweite Hälfte, aber das ist kaum vergleichbar. Vor mir sitzt jetzt ein Ensemble in Big-Band-Besetzung und kein symphonisches Blasorchester. Das Repertoire besteht ausschließlich aus Spezialarrangements, also nichts, was irgendwie bei Verlagen gekauft ist, sondern speziell für diese Formation geschrieben wird. Sowohl von Musikern der Band als auch von namhaften externen Arrangeuren, die in diesem Bereich zu Hause sind.

Für die musikalischen Leiter, die zur Big Band der Bundeswehr wechseln, wird eine Vorbereitungszeit eingeräumt. In meinem Fall war das ein knappes halbes Jahr, wo man sich gezielt auf das fokussieren kann, was einen erwartet, damit man darauf besser vorbereitet ist. Ein ad-hoc-Wechsel von symphonischer Blasmusik zu Big-Band-Musik wäre sonst zu abrupt, weil die Profile einfach zu unterschiedlich sind.
Wie sieht eine derartige Weiterbildung aus?
Ich war zweieinhalb Wochen bei Peter Schüller (A.d.R.: Posaunist, Komponist und Arrangeur aus Eschweiler) in den USA. Da haben wir uns mit klassischen Big-Band-Arrangements, vor allem mit dem Schwerpunkt Sammy Nestico, beschäftigt. Zu Lebzeiten Nesticos war Peter Schüller dessen offizieller Assistent.
Ich bin auch hier reingewachsen, habe Proben besucht und bin bei verschiedenen Einsätzen der Big Band mitgefahren. Darüber hinaus habe ich mir große Tourproduktionen, u.a. Tina Turner, Frank Sinatra und Roland Kaiser, und das Glenn-Miller-Orchester von Europa angeschaut, um zu sehen, was eine Show ausmacht. Ferner hatte ich Einzelunterricht für Arrangement und Stilistik bei Professor Wieland Reißmann, der selbst viele Arrangements für die Big Band geschrieben hat. Er hat eine Professur an der Uni Kassel und lebt in Köln.
Ist Showtalent als Bandleader der Big Band der Bundeswehr gefragt?
Auf jeden Fall. Ein Großteil meiner Aufgabe ist die Präsentation. Mit der Moderation versuche ich, das Publikum einzubinden und als Bandleader das „Produkt Big Band der Bundeswehr“ bestmöglich zu „verkaufen“. Bei einem Musikkorps zeige ich durch mein Dirigat, wie die Musiker zum Beispiel eine klassische Ouvertüre zu spielen haben. Das ist bei der Big Band ein Stück weit anders. Das Repertoire ist so professionell einstudiert, dass das, was ich an Hilfestellung gebe, im Prinzip für den Ablauf der Musik entscheidend ist. Mit den sogenannten „Cues“ gebe ich Zeichen, wie oft ein Solo gespielt wird und wann es endet, damit die Band weiß, an der Stelle springen wir in den Noten und gehen weiter.
Wie sieht die Besetzung aus?
Wir haben eine etwas erweiterte Besetzung. Im Gegensatz zu manchen anderen Big Bands haben wir immer eine Gitarre und zum Drumset auch Percussion dabei. Bei Open-Air-Programmen haben wir auch manchmal eine zweite Gitarre und ein zweites Keyboard besetzt. Programmabhängig können wir die Rhythmusgruppe zudem doppelt besetzen bis auf das Drumset. Und was uns von den Big Bands der Rundfunkanstalten unterscheidet, ist, dass wir eben auch für die gesamte Bevölkerung spielen, beispielsweise bei Open-Air-Konzerten auf Marktplätzen, und nicht nur für ein ausgewiesenes Jazz-Fachpublikum.
Somit ist die Big Band ein Aushängeschild der gesamten Bundeswehr.
Ja, wir sind im Prinzip ein Stück weit auch einzigartig. Die Big Band der Bundeswehr gibt es tatsächlich in dieser Form nur ein einziges Mal. Militärorchester gibt es mehrere vom Heer, von der Luftwaffe und von der Marine. Wir sind als Big Band der Bundeswehr im Prinzip eine der Musikeinheiten mit einem sogenannten Aufgabenschwerpunkt, also neben dem Stabsmusikkorps, dem Ausbildungsmusikkorps in Hilden und dem Musikkorps der Bundeswehr in Siegburg. Als „modernes Show- und Unterhaltungsorchester“ sind wir vor allem für die Öffentlichkeitsarbeit und Imagepflege zuständig. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal und wir sind deutschlandweit unterwegs.
In den letzten Jahren sind eine Reihe neuer Musiker zur Big Band gestoßen. Wie sieht dieser Generationenwechsel aus?
Zwischen 2017 und 2019 sind die letzten Musiker der älteren Generation in Pension gegangen und in den nächsten Jahren werden wir nur noch einzelne Pensionierungen haben. Es sind also sehr viele junge Leute dazugekommen. Es sind nicht alle direkt Studienabsolventen, sondern viele sind Ende 30, Anfang 40 und haben als Freelancer im Bereich Jazz, Popularmusik gearbeitet und haben sich als Seiteneinsteiger bei uns beworben.
Sind die Musiker auch Soldaten?
Ja, alle Musiker der Big Band der Bundeswehr sind auch Soldaten mit einem Rang. Alle sind ausgewiesene Profis im Jazzbereich, die alle ein Jazzmusikstudium absolviert haben, was die Bundeswehr nicht anbietet. Beim Ausbildungsmusikkorps gibt es einen eigenen Werdegang: Militärmusiker mit kombiniertem Studium an der Robert-Schumann-Musikhochschule in Düsseldorf. Nach dem Abschluss werden sie in die Musikkorps versetzt. Für eine Stelle bei der Big Band muss man sich bewerben.
Wir schreiben die Stellen aus, die Leute bewerben sich und nehmen an einer Audition teil, d.h. sie spielen hier vor im Satz oder mit der gesamten Band und werden von dem entsprechenden Gremium ausgewählt und anschließend eingestellt. Sie müssen eine Grundausbildung und einen Gesundheitscheck machen. Alle Musiker der Big Band der Bundeswehr haben somit auch eine Militärgrundausbildung. Sie werden dann als Feldwebel eingestellt oder mit höherem Dienstgrad und machen noch einen Feldwebel-Lehrgang. Sie sind in erster Linie natürlich Musiker, aber statusrechtlich auch alle Soldaten. Das heißt, sie können auch zur Unterstützungsleistung eingesetzt werden, was zum Beispiel in Impfzentren während der Corona-Pandemie der Fall war.
Und die Sänger?
Die zwei Sängerinnen und der Sänger sind keine Soldaten, sie sind Honorarkräfte. Sie haben einen festen Vertrag bei uns und machen bei allen Indoor- und Open-Air-Konzerten mit.
Haben Sie auch kleine Besetzungen?
Feste kleine Ensembles haben wir im eigentlichen Sinne nicht. Dem Anlass entsprechend stellen wir aber manchmal kleinere Besetzungen zusammen, quasi maßgeschneidert für den jeweiligen Anlass. Das hängt von der Art der Veranstaltung, dem uns zur Verfügung stehenden Platz und dem gewünschten Repertoire ab. Das kann ein Auftritt beim Minister in Berlin sein, eine Gedenkfeier, der Trompeter am Grab eines Kameraden, die Dixieland-Besetzung bei der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin, eine Preisverleihung oder die Ehrung von Sportlern, die an den Olympischen Spielen teilgenommen haben.
Welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesteckt?
Mein Wechsel zur Big Band fand mitten im laufenden Tourbetrieb statt. Als ich übernommen habe, sind wir einen Tag später direkt nach Berlin gefahren und hatten beim Bürgerfest des Bundespräsidenten den ersten Auftritt. Deshalb habe ich vieles von dem aktuellen Programm übernommen.
Bei Programm- und Musikfragen möchte ich verstärkt die Mitglieder der Band mit einbeziehen. Deshalb bin ich dem Wunsch, wieder eine Programmkommission ins Leben zu rufen, gerne gefolgt. In dieser Programmkommission können Delegierte aus den einzelnen Bereichen der Band, also Trompeten, Saxophone, Posaunen und Rhythmusgruppe, ihre programmatischen und musikalischen Ideen mit einbringen. Da haben wir sehr gute Vorschläge zusammengetragen. Zudem haben wir nochmals Spezialarrangements in Auftrag geben können, die in diesem Jahr neu für uns geschrieben werden. Mir persönlich ist auch immer die Mischung wichtig, sodass man nicht nur den klassischen Jazz und Swing bedient, sondern auch modernere Musik – vor allem auch 80er und 90er Jahre sowie aktuelle Hits – die auch bei den jungen Leuten so präsent ist und beim Publikum immer sehr gut ankommt.
In den ersten Wochen und Monaten habe ich mir vor allem die Abläufe angeschaut, weil das Ganze schon ein Riesenunternehmen ist. Wir haben Rahmenverträge mit zivilen Mitarbeitern und mit einer zivilen Firma, die für uns die Technik liefert. Schritt für Schritt habe ich mich da reingearbeitet. Es soll ja alles wie gehabt weiterlaufen. Ich kann immer Fragen stellen und werde sehr gut beraten.
Die Big Band erhält am Standort Euskirchen ein neues Probegebäude. Wie ist der Stand der Dinge?
Die Schlüsselgewalt wurde uns schon übergeben. Der komplette Umzug dürfte Ende Februar, Anfang März erledigt sein. Dann können wir vom alten in das neue Gebäude umziehen. Der Probenraum ist ein kleiner Konzertsaal, mit einer Bühne für die Big Band und Platz für bestimmt 150 Zuhörer. Dort können wir kleine Konzerte durchführen, bei denen wir beispielsweise ein neues Programm vorstellen. Oder unsere Clubkonzertreihe, die wir in Sälen gespielt haben, die teilweise kleiner als unser neuer Saal sind. Ein reines Swing-Jazz-Programm, was die Band auch sehr gerne spielt, würde hier gut reinpassen. Dafür bieten sich die neuen Räumlichkeiten an. Aufnahmetechnik und Regieraum sind auch vorhanden, sodass Studioaufnahmen möglich sind. Des Weiteren gibt es in dem neuen Gebäudekomplex Büroräume und Einzelproberäume nach den modernsten akustischen Vorgaben. Es ist wirklich ein tolles Gebäude.
Wie kann man die Big Band eigentlich für einen Auftritt buchen?
Die Wohltätigkeitskonzerte werden in der Regel nicht von der Bundeswehr veranstaltet. Grundsätzlich kann jeder einen Antrag stellen. Meistens sind es Vereine, die ein Jubiläum feiern, ein Stadtmarketing, Service Clubs oder ein Ableger einer Behörde. Dabei müssen die generierten Einnahmen gemeinnützig eingesetzt werden, zum Beispiel für die Jugendarbeit eines Musikvereins.
Eine Besonderheit ist auch unser sogenanntes Veranstalterbriefing. Zu Beginn des Jahres laden wir Veranstalter, die in Frage kommen oder die Interesse geäußert haben, ein Konzert mit der Big Band der Bundeswehr durchzuführen, hier nach Euskirchen zu einem Konzert ein. Unser Tourmanager, Stabshauptmann Johannes Langendorf, stellt das Ensemble vor und gibt einen Überblick über die Auflagen.
55 Jahre Big Band der Bundeswehr

Die Big Band der Bundeswehr wurde 1971 auf Initiative des damaligen Bundesverteidigungsministers Helmut Schmidt gegründet. Ihm fehlte die „schmissige Militärmusik im Stile von Glenn Miller, Swing, Pop und die Musik aus Musicals und Kinofilmen“. Günter Noris bekam den Auftrag, die Band aufzubauen. Seither ist sie das Show- und Unterhaltungsorchester und somit die Visitenkarte der Bundeswehr.
Die 24 Profimusiker sind bekannt für ihre Professionalität, Vielseitigkeit und ihr musikalisches Können, aber auch für ihre ausgefeilten Bühnenshows. Die Big Band der Bundeswehr hat 60 bis 65 Konzerte pro Jahr. Hinzu kommen etwa 15 bis 20 Auftritte der kleineren Besetzungen. Stationiert ist das Ensemble in der Mercator-Kaserne in Euskirchen.
Ein Publikumsmagnet sind seit über 20 Jahren die Open-Air-Shows. „Die Konzertsäle sind in den Sommermonaten nicht so gut besucht und wir wollten dort spielen, wo die Leute sind: in Innenstädten, vor Eisdielen oder vor Cafés. Wir haben die Plane eines alten LKW hochgezogen, die Big Band auf die Pritsche gesetzt, gespielt und geschaut, ob das funktioniert. Und das hat funktioniert“, blickt Stabshauptmann und Tourmanager Johannes Langendorf zurück.
Im Laufe der Jahre ist daraus eine riesengroße Open-Air-Show geworden mit über 150 Tonnen Material. „Wir haben vier große Sattelschlepper und die größte Trailerbühne Europas, mit der wir dann auf die Marktplätze fahren. Die Open-Air-Show liegt uns sehr am Herzen, weil sie eine besondere Dynamik hat. Bei gutem Wetter stehen plötzlich 2.000, 3.000 oder 4.000 Leute vor der Bühne. Sie erleben eine großartige Show und es ist wie eine Sommerparty und kein Mensch hat damit gerechnet. Das macht es so besonders“, sagt Langendorf.
Vor etwa zehn Jahren ist die Clubkonzertreihe der Big Band der Bundeswehr entstanden. „Vorher haben wir nie in Clubs gespielt“, so der Tourmanager. „In den Jazz-Clubs spielen wir reine Big-Band-Musik. Unsere Musiker haben diese Qualität und es macht ihnen super Spaß zeigen zu können, was sie drauf haben. Zudem sprechen wir damit eine ganz andere Klientel an.“
In den letzten Jahren sorgte die Zusammenarbeit mit bekannten Künstlern wie Klaus Lage, Heinz-Rudolf Kunze, Max Mutzke, Samu Haber, James Blunt oder Till Brönner für große Abwechslung im Programm der Big Band der Bundeswehr. Die gemeinsamen Konzerte verbinden Auftritte mit den Star-Gästen und eigenständige Programmteile der Band, wovon beide Seiten profitieren. Besonders die langjährige Zusammenarbeit mit Till Brönner eröffnete weitere Kontakte zu renommierten Jazzmusikern und anderen großen Namen.


