Brass | Von Redaktion

Theon Cross und eine ungewöhnliche Karriere mit der Tuba

Theon Cross und eine ungewöhnliche Karriere mit der Tuba
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Foto: Ian Hippolyte

Eine ungewöhnliche Karriere mit der Jazztuba: Bereits als 20-jähriger schloss sich Theon Cross der modernen Fusioncombo Sons of Kemet um Saxofonist Shabaka Hutchings an. Ab 2013 mischten sie mit zeitgemäßem Stilmix und origineller Besetzung die junge Londoner und internationale Jazzszene auf. Der Tubist ging parallel aber bald eigene Wege, machte 2015 mit seiner ersten Trio-EP »Aspirations« auf sich aufmerksam. Das 2019 veröffentlichte Album »Fyah« landete auf Platz 1 der UK Jazz&Blues Charts. Volltönender Jazzbass, groovende Patterns, Solomelodien, originelle Sounds per Effektpedal und Multiphonics per Parallelvocals: Cross lotet seitdem konsequent die Wandlungsfähigkeit der Tuba im modernen Fusionjazz aus.

Selten ist auf einer Jazzbühne eine Tuba zu hören. Der britische Jazzer Theon Cross hat sich schon als Jugendlicher genau für dieses Musikinstrument begeistert und entschied sich bald für eine künstlerische Karriere. Die für die heutige Londoner Szene wichtige Kaderschmiede Tomorrow´s Warriors um Gary Crosby und sein Studium an der Guildhall School of Music & Drama in London waren für ihn wesentliche Etappen. Abgesehen von Kooperationen mit etablierten britischen Künstlern wie Courtney Pine und US-Jazzern wie Jon Batiste spielte Cross vor allem in langjährigen Ensembles wie Sons of Kemet um Shabaka Hutchings und in seinen eigenen Bands. Das neueste Tondokument ist sein 2025 erschienenes Album »Affirmations«. Im Interview mit Brawoo gibt der Tubist Einblicke in seinen bisherigen künstlerischen Weg, die Besonderheiten des von ihm gespielten Schwergewichts, die Bedeutung von Tanzbarkeit, und wie es dazu kam, dass er mit einer Liveaufzeichnung überrascht wurde.

Du setzt Tuba auf eine Art ein, die viele kennen, als Bass. Du verwendest sie allerdings auch als modernes Rhythmusinstrument und du machst daraus ein Melodieinstrument. Es scheint, als würdest du inzwischen mehr in die melodische Richtung gehen.

Ich denke, die Tuba ist ein Musikinstrument, das vieles kann. Sie ist ein starkes Bassinstrument. Meiner Meinung nach kann sie eine Menge von derselben Art der Begleitung, wie sie ein Kontrabass oder E-Bass spielen. Sie hat aber auch ein schönes hohes Register, wenn man damit melodisch spielt. Ich versuche, beide Seiten dieses Instruments zu navigieren. 

In deinem Repertoire setzt du einiges an Multiphonics ein. Das ist anscheinend mehr geworden. Ist es so?

Genau, das ist eine Technik, die ich gern anwende, vor allem, wenn ich Soloimprovisationen spiele. Es gibt großartige Tubisten, die das gemacht und mich inspiriert haben, wie Øystein Baadsvik, und Nat McIntosh von der Young Blood Brass Band. Ich wollte immer mehr herausfinden über diese Technik. Wenn man allein spielt, ist es ab und zu ein guter Weg, eine eigene Art Call- und Response zu erschaffen. Wenn man das an der Tuba macht, ist es ein einzigartiger Sound. Ich denke nicht, dass es an anderen Blechblasinstrumenten dieselbe Wirkung hat. So ist das eine meiner Signatures geworden, die ich gern verwende.

Du hast bereits Künstler erwähnt, die dich inspiriert haben. Gab es noch weitere?

Ich lernte Tuba mit dem großartigen Oren Marshall aus London. Er zeigte mir die unterschiedlichen Möglichkeiten als Bassinstrument und als Melodieinstrument. Er war außerdem der erste, den ich Effektpedale für Gitarren an der Tuba verwenden sah. Das war inspirierend für mich.

Das hast du bei einem Konzert gesehen?

Ja, in London. Dann waren da noch Howard Johnson und Bob Stewart aus Amerika, die mich beeinflussten.

Und du verwendest ebenfalls Effektpedale für Gitarre an der Tuba?

Nicht zu viel, aber ich setze ganz gern einige Pedale bei meinen Livekonzerten ein.

Du bringst bei Konzerten Mikrofone direkt im Schalltrichter an. Machst du das immer so?

Das mache ich, weil es für mich einfacher ist, als das Mikrofonstativ zu verwenden. Wenn ich am Mikrofonstativ bleiben muss, kann es leicht passieren, dass ich dagegen schlage. Da muss ich die ganze Zeit in ein- und derselben Position stehen bleiben. Manchmal ist das schwierig, wenn man mit einer Tuba auf der Bühne steht. Ich klebe die Mikrofone also mit Tape in den Schalltrichter. Das habe ich von Oren Marshall gelernt.

Du hast in der Londoner Szene eine Menge gemacht. Mit zwei Ensembles ging es offenbar fast parallel los, das waren Sons of Kemet um Shabaka Hutchings und deine Band, in der die Tuba noch etwas mehr Platz erhält und du die Musik komponierst. Wie haben sich diese zwei Bands entwickelt?

Ich schloss mich 2013 Sons of Kemet an. Mein Professor Oren Marshall war zuerst dort Tubist. Als er immer mehr zu tun hatte, fragte mich Shabaka, ob ich mich der Band anschließe und übernehme. Es war eine wirklich großartige Erfahrung. Shabaka ist ein hervorragender Musiker und schreibt sehr interessante Musik. Damals waren noch Seb Rochford und Tom Skinner in der Band. Obwohl das ein Line-Up ist mit Melodie, Rhythmus und Bass, ohne Akkorde, gibt es eine Menge Platz für freie Improvisation, und um verschiedene Dinge melodisch und als Bassinstrument auszuprobieren.

Ich lernte mehr darüber, wie ich meine Möglichkeiten erweitern konnte. Und ich hatte unglaubliche Musiker, mit denen ich Ideen austauschen und von denen ich lernen konnte, da ich der Jüngste in der Band war. Ich spielte etwa neun oder zehn Jahre mit und bekam viel von der Welt zu sehen. Die erste EP unter meinem Namen, »Aspirations«, veröffentlichte ich 2015, vor zehn Jahren. Als ich die Universität verließ, hatte ich ziemlich viel damit zu tun, in anderen Ensembles in der Szene mitzuspielen. Allerdings dachte ich immer, es wäre wichtig, gleichzeitig zumindest etwas von meiner eigenen Musik rauszubringen.

Cross
Foto: Ian Hippolyte
Du hast mit Shabaka Hutchings in seiner Band gespielt, mit Nubya Garcia in deiner Combo, und im jetzigen Ensemble hast du Isaiah Collier dabei. Du hast da also durchgängig großartige junge Saxofonisten, und natürlich andere hervorragende junge Musiker, um dich.

Ich denke, ich habe eine Menge Glück gehabt.

Jetzt hast du ein britisch-amerikanisches Ensemble, wie kam das zustande?

Ich traf Isaiah kurz, als ich auf Tour war mit Sons of Kemet, gerade bevor wir uns auflösten. Ich mochte, wie er spielte, und ich mochte ihn als Mensch und Denker. Er hat einen großartigen Verstand. Als ich eingeladen wurde, einige Shows in den USA zu spielen, war es aus kreativer und logistischer Sicht sinnvoll, ihn für die Konzerte anzufragen. Er sagte, er hätte Zeit und wäre bereit, einiges von meinem Repertoire zu spielen. Wir machten eine Tour Ende 2022 und gingen ins Blue Note 2023. Das hat eine Menge Spaß gemacht. Er empfahl seinen damaligen Schlagzeuger, James Russell Sims, der die Konzerte ebenfalls mitspielen konnte. Er ist ein großartiger Musiker und ich hatte das Gefühl, er verstand, was ich mit der Musik rüberbringen wollte und wie er daran herangehen konnte. Mit meinem Gitarristen Nikos Ziarkas war ich schon auf Tour, bevor ich diese Künstler traf. Er ist ein unglaublicher Musiker, ein großartiger Gitarrist, doch er weiß auch, wie man Texturen oder Soundwelten erschafft. Ich denke, die Kombination von uns allen, in der jeder einen einzigartigen Stil und zahlreiche Einflüsse in der Herangehensweise hat, hat etwas Besonderes geschaffen im Blue Note an dem Abend. Ich war sehr dankbar und stolz, dass ich das rausbringen konnte als mein nächstes Album.

War es das erste Mal, dass ihr im Blue Note aufgetreten seid?

Das war das erste Mal für mich, und ich denke, für alle in der Band.

Wirklich? Und da habt ihr gleich eine Aufnahme gemacht? 

Nur wusste ich zu der Zeit nicht, dass das aufgezeichnet wird (lacht). Dafür muss ich Isaiahs Manager Sonny die Anerkennung geben. Er hat mit dem Tontechniker darüber geredet, das aufzuzeichnen. Zu der Zeit, als wir das Album einspielten, wusste ich nicht, dass aufgenommen wurde. Meiner Meinung nach macht es das fast etwas spontaner und im Moment. Was wir kreiert haben, war für die Menschen gedacht, die da waren. Dass das veröffentlicht und in der Zeit festgehalten werden kann ist ein Extrabonus.

Deine Musik integriert zahlreiche Stile und Einflüsse. Was inspiriert dich?

Unterschiedliche Dinge. Ich bin jemand mit ganz verschiedenen Einflüssen. Und ich liebe Jazz, aber ich liebe auch Hip-Hop, ich liebe karibische Musik wie Reggae und Dancehall, und ich liebe Funk. Ich habe das Gefühl, dass ich mich beim Komponieren ausdrücke, indem ich die Dinge integriere, die mich beeinflusst haben. Auf viele Arten habe ich das Gefühl, wenn ich auf der Bühne bin, präsentiere ich mich selbst, meine Ideen und meine Identität.

Es gibt eine Menge Rhythmus, Groove und Energie, die Musik ist tanzbar. Zieht das junge Leute an, sich Jazz integriert mit anderen und modernen Stilen anzuhören?

Ich denke, alle tanzen gern, und Jazz ist im Kern eine Tanzmusik. Ich liebe Musik, die einen Sinn für Tanzbarkeit an sich hat. Obwohl ich es wichtig finde, Musik zu machen, die man sich auf einem hohen Niveau anhören kann, denke ich, dass auch Tanzbarkeit wichtig ist und im Kern ist von viel der Musik, die ich liebe und respektiere. Ich komponiere gern Musik, die diese Möglichkeit hat, das zu bewirken, diese Synergie von Menschen zu kreieren.

Hast du in den vergangenen zehn Jahren jemals ein Konzert gespielt, bei dem Leute im Konzertsaal saßen?

Ja, ich habe davon viele gespielt (lacht). Es gab Konzerte, in denen sie zuerst saßen und dann aufgestanden sind. Es gab allerdings auch welche, in denen die Leute das ganze Konzert über saßen und sehr konzentriert zuhörten. Sie würdigten die Musik aber ebenfalls. 

Als du in jungen Jahren anfingst, Tuba zu spielen, hast du sie selbst gefunden oder wurde sie dir gegeben?

Sie wurde mir gegeben. Ich fing mit elf Jahren an, Blechblasinstrumente zu spielen. Mein damaliger Lehrer ließ mich verschieden große Mundstücke ausprobieren. Er gab mir eine Trompete, eine Posaune und ein Tenorhorn. Ich brachte den besten Sound aus dem Tenorhorn heraus. Das war das Musikinstrument, das ich von da an spielte. Als ich größer wurde, wechselte ich zum Eufonium und mit 14 Jahren zur Tuba. Der Rest ist Geschichte.

War es eine leichte Entscheidung für dich, das zu deinem Beruf zu machen?

Ja, Musik war immer meine Leidenschaft. Ich hatte zwei Leidenschaften. Das war Englisch, ich schrieb gern Geschichten, und Musik. Es gab eine Weggabelung im Hochschulalter, an der ich entscheiden musste, was ich tun wollte. Ich entschied mich für Musik und bin sehr dankbar dafür.

Von da an ging alles geradlinig?

Ziemlich. Jeder Künstler wird dir berichten, es gibt Aufs und Abs. Manchmal gibt es Zeiten, in denen man wirklich viel zu tun hat. Und ab und zu gibt es Zeiten, in denen nicht so viel zu tun ist. Wie mit allem im Leben gibt es Höhen und Tiefen. Aber ich bin sehr glücklich und froh, etwas zu tun, was ich liebe, und davon leben zu können

Christina M. Bauer

https://theoncross.com