News, Orchestra | Von Klaus Härtel

Thomas Doss, komponiert man in der Corona-Krise mehr?

Thomas Doss
Thomas Doss (Foto: privat)

Für Komponisten könnte die Zeit, die sie nun zu Hause verbringen, weil sie sich ohnehin nicht mit anderen Menschen außerhalb des eigenen Hausstandes treffen dürfen, ja Gold wert sein. Endlich mal Zeit, all die Gedanken zu Papier zu bringen! Doch natürlich ist es anders. Komponiert man mehr in der Corona-Krise? Vermutlich schon – doch Thomas Doss will raus. Und macht sich große Sorgen um die Kultur insgesamt. 

Das wichtigste ist auch für den österreichischen Komponisten Thomas Doss, dass seine Familie gesund ist. Die harten restriktiven Maßnahmen der Regierung wurden vor kurzem etwas gelockert. Baumärkte sind wieder geöffnet, in Restaurants darf man sich das Essen „To Go“ bestellen. Davon bekommt der Komponist nicht wirklich viel mit, wie er zugibt. „Wir halten uns da schon noch ein bisschen zurück. Wir gehen raus, um die frische Luft zu genießen und um die notwendigen Einkäufe zu erledigen.“ Ansonsten: Homeoffice.

Dass die Kinder immer alle zu Hause sind, sei nicht immer ganz leicht, lacht Thomas Doss. Schließlich könne man sich nur sehr schwer aus dem Weg gehen. „Aber wir haben das Glück, dass das Homeschooling gut klappt“, findet er. Die regelmäßig stattfindenden Videochats vermitteln eine Struktur, die sehr viel Unterstützung in den Alltag der Kinder hineinbringe. Auch die Instrumentallehrer bieten Online-Unterricht an. „Musik“ ist das Stichwort. 

Wird bei euch momentan auch mehr gemeinsam musiziert?

Thomas Doss: Es ist gar nicht so –wie man glauben könnte –, dass man viel mehr Zeit hat! Aufgrund der Betreuung zu Hause – wir haben vier Kinder zu Hause – ist es, vor allem für meine Frau, bisweilen sehr anstrengend. Die Musik kommt in dem Sinne zu kurz, dass das Zusammenspiel in der Musikkapelle oder bei diversen Veranstaltungen nicht stattfindet. Natürlich wird zu Hause das Instrument geübt – aber viel mehr geht sich über den Tag fast nicht aus. Leider Gottes. 

Das Interview via YouTube!
Und wie wirkt sich Corona auf deine Arbeit aus? Als Komponist hat man jetzt endlich mal Zeit, oder?

Ich versuche, den Kontakt zu meiner Dirigierklasse so gut wie möglich aufrecht zu erhalten und viel zu organisieren, weil ich hier auch Ausbildung über das Musikschulwerk koordiniere. Wir planen sehr viel, mussten leider auch viel absagen. 

Daneben habe ich aber natürlich die Zeit genutzt, an meinen Aufträgen weiterzuarbeiten. Ich habe etwa meine Oper fertigstellen können. Das war ein sehr großer Brocken, den ich zu bewältigen hatte.

Die Gefahr ist viel mehr, dass man sich in seiner Arbeit verliert und in seinem Arbeitszimmer – bei mir ist das im Keller – vergisst, dass das Leben im ersten Stock und im Erdgeschoss weitergeht. Das ist etwas, was ich noch nicht so gut beherrsche. Aber für die Kompositionsarbeit selbst war es sicher kein Nachteil. Das muss ich ganz ehrlich sagen.

Deine Oper ist fertig – aber sie kann ja gar nicht aufgeführt werden…

Nun, die Premiere ist für den 1. Januar 2021 am Stadttheater Bozen geplant.Man weiß es nicht, aber hoffen wir doch, dass sich bis dahin die Situation verbessert. Das Vorsingen für die Hauptrolle wurde jetzt verschoben. Aber auch das soll vor dem Sommer noch stattfinden. 

Du sprichst es an. Viele Veranstaltungen, viele Konzerte fallen aus, bei denen deine Werke gespielt worden wären. Wie sehr schmerzt das?

Man sieht schon, was wirklich wichtig ist. Von der wirtschaftlichen Seite ist es natürlich kein Vorteil, diese Veranstaltungen abzusagen. Konzerte, Aufführungen, Workshops, Unterrichts-Sessions sind ausgefallen. Aber ich denke, es ist verkraftbar. Ich habe natürlich das Glück, an den Aufträgen weiterarbeiten zu können. Irgendwann werden die aber auch ausgearbeitet sein… 

Hat denn die Corona-Krise Auswirkungen auf dein kompositorisches Schaffen, als dass dir neue Ideen einfallen?

Es ist schon so, dass diese Zeit gewisse Phänomene offenbart, über die man sich Gedanken macht: Die Isolation, das Werteverständnis, die Familie, die sozialen Kontakte. Da gibt es ganz viele Sachen. Ich denke auch etwa an die Maske und die Mimik, die da verloren geht. Viele Dinge regen zum Nachdenken an. Natürlich hebt sich die musikalische Thematik nicht vom üblichen Leben ab. Aber es ist schon so: Ich schreibe gerade ein Auftragswerk für einen Musikverein. Da war ich in der Themenwahl frei und habe dieses aktuelle Thema zum Anlass genommen und inhaltlich verarbeitet. 

Also wird Corona – auch wenn die Krise überstanden ist – weiter eine Rolle spielen?

Zumindest bei diesem Stück. Und ich könnte mir vorstellen, dass in dieser Krise viele Werke entstehen, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzen. Dann als Aufarbeitung in den Konzertsälen. Aber es ist ein so großes Phänomen, das sich bei uns allen wiederspiegeln wird. Das wird noch Generationen beschäftigen und nicht nur die nächsten beiden Jahre.

Du hast deine Dirigierschüler erwähnt. Und natürlich hat man als Dirigent in der derzeitigen Krise nichts zu dirigieren. Wie gehst du als Dirigent und wie gehen deine Studenten damit um?

Ich hatte gerade eben ein Gespräch mit einem Studenten, der sich in der momentanen Situation sehr schwertut. Aber es gibt auch die Schüler, die gerade sehr viel Zeit haben, sich oft melden und die ihre Aufgaben fast täglich erledigen. Darüberhinaus haben wir mehrere Sessions, in denen wir per Video unseren Unterricht abhalten. Aber natürlich kann das nur eine Überbrückung sein. Die Arbeit des Dirigierens und der Musik kann nur über den menschlichen Kontakt funktionieren. Alles andere wäre tote Materie. 

Ich selbst vermisse momentan nicht so sehr, vor dem Orchester zu stehen und dem Stress ausgesetzt zu sein. Ich kann mich auf andere Sachen konzentrieren und zumindest einige Zeit ist das gut verkraftbar…

Aber vermutlich will man irgendwann wieder raus und auch den Stress wieder spüren, oder?

Ja, definitiv! Der Blick wird ja immer enger und man braucht die sozialen Kontakte. Sonst verkümmert man, keine Frage.

Was glaubst du, wann wir wieder Kultur genießen dürfen?

Ich habe mir schon recht früh gedacht, dass die Corona-Krise sehr viel länger dauern wird. Ob sich das bis Weihnachten hinzieht? Es ist so schwer einzuschätzen, weil es so viele – auch widersprüchliche – Informationen gibt. Ich werde keine Prognosen stellen. Ich bin einfach mal optimistisch. Und ich hoffe vor allem, dass die Menschen vernünftig sind und lernen, mit der Situation so unaufgeregt umzugehen, wie mit anderen Dingen auch. 

Aber das Kulturleben liegt darnieder, ist zum Nichtstun verdammt. Hast du Sorge um die Kultur?

Ich habe sehr sehr große Angst um die Kultur – um die vielen Vereine, die vielen Orchester und vor allem die vielen Künstler, die ausschließlich davon leben. Ich habe ja das Privileg, dass ich darüberhinaus eine Festanstellung habe. Man macht sich sehr große Sorgen auch um die Wertigkeit, die die Kultur für die Politik hat. Natürlich kann man keine Dinge von auf einem Moment auf den anderen erfinden – aber das muss ein Thema sein. Ich hoffe, dass die Kultur – vor allem die kleinen Künstler – gesehen wird in ihrer Bedeutung. Ich hoffe, dass es im Sommer eine Öffnung geben wird und sich alles wieder mehr ins reale Leben verlagert. 

Und dann ersteht die Kultur wie Phönix aus der Asche?

Wer weiß, wie dieser Phönix aussehen wird. Aber er wird sicher nicht so aussehen, wie er davor ausgesehen hat. Auf der anderen Seite werden die digitalen Medien mehr Bedeutung haben. Es wird eine Metamorphose sein. Ich glaube, es wird ein Trauma sein, an dem man lange arbeiten wird. In der Gesellschaft und auch in der Kultur. Ich hoffe sehr und wünsche allen Künstlern, dass sie diese Zeit gut überstehen. 

Thomas Doss

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Die Weltpremiere der Oper Blasmusikpop (oder: Wie die Wissenschaft in die Berge kam) von Thomas Doss steigt am 1. Januar 2021 am Stadttheater Bozen. Weitere Vorstellungen sind geplant.

Zum Stück: Im Roman „Blasmusikpop“ erzählt Vea Kaiser die Geschichte einer Familie in St. Peter am Anger, die über drei Generationen hinweg auf kuriose Weise der Wissenschaft verfallen ist. Gegen die Engstirnigkeit und den Traditionssinn der St. Petrianer hegt Johannes A. Irrwein seit frühester Kindheit eine starke Abneigung. Bildungshungrig sehnt er sich nach jener aufgeklärten Welt, die er hinter den Alpenmassiven vermutet. Seinem Lieblingsautor Herodot, dem Vater der Geschichtsschreibung, nacheifernd, macht er sich daran, die Chroniken seines Dorfes zu verfassen – und verursacht dabei ungewollt das größte Ereignis in der Geschichte St. Peters, das das Bergdorf auf immer verändern wird. Silke Dörner hat den Roman in ein sprachlich dichtes, sehr humorvolles Libretto verwandelt.