Als Thomas Doss und Hubert Hoche vor zehn Jahren anlässlich ihres gemeinsamen 50. Geburtstags zum Doppel-Interview zusammenkamen, war die Welt noch eine andere. Es ging um die Aufbruchsstimmung der Lebensmitte, um die Reibung zwischen Tradition und Moderne, um Beatles und Beethoven. Im Jahr 2026 treffen wir zwei Komponisten wieder, die nicht nur älter geworden sind, sondern eine Dekade der extremen Kontraste hinter sich haben. Ein Gespräch über die Zerbrechlichkeit der Kunst, die politische Verantwortung am Notenblatt und die Erkenntnis, dass »Weitergehen« manchmal bedeutet, radikal innezuhalten.
Wer Thomas Doss und Hubert Hoche gegenübersitzt, spürt sofort: Hier begegnen sich nicht nur zwei Kollegen, sondern zwei Seelenverwandte, die trotz unterschiedlicher ästhetischer Ansätze oft die gleichen inneren Kämpfe ausfechten. Der Weg von 50 zu 60, den beide nun demnächst vollenden, war kein sanfter Anstieg, sondern eine Achterbahnfahrt durch gesellschaftliche und persönliche Krisen.
Der Rückblick auf das letzte Jahrzehnt beginnt zwangsläufig mit einer Zäsur, die keiner von beiden im Jahr 2016 hätte vorhersehen können. Die Pandemie traf (nicht nur) die Musikwelt ins Mark, doch für Hoche und Doss war sie mehr als nur eine Arbeitsunterbrechung – sie war eine existenzielle Erschütterung, die alte Gewissheiten hinwegfegte.
Wie ein Kartenhaus…
Hubert Hoche erinnert sich an den Moment, als sein sorgsam aufgebauter Lebensplan – weniger Ensembleleitung, mehr Fokus auf das reine Komponieren – wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel: »Corona hat für mich meinen ganzen Lebensplan komplett durcheinander geschmissen. Ich wollte mehr komponieren, das ging auch bis dahin echt gut vorwärts. Und dann: keine Aufträge mehr.« Die Verzweiflung ging so weit, dass der gelernte Schreiner ernsthaft erwog, sein altes Handwerk zu reaktivieren, nur um wieder »systemrelevant« zu sein. »Ich habe wirklich überlegt, ob ich richtig umswitchen soll. Da hätte ich wenigstens arbeiten dürfen«, reflektiert er heute mit einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Melancholie.
Auch Thomas Doss beschreibt diese Phase als »niederschmetternd«. Der Komponist, dessen Werke weltweit auf den Programmen stehen, sah sich plötzlich mit der Frage nach dem Sinn seines Tuns konfrontiert. »Man hat sich ausgebrannt gefühlt und gefragt: Für wen mache ich das eigentlich? Ist das, was wir tun, überhaupt wichtig für die Gesellschaft“? Diese Krise hat Spuren hinterlassen, aber auch zu einer neuen Klarheit geführt. Heute wählen beide ihre Projekte viel selektiver aus. Es geht nicht mehr um die schiere Menge der Noten, sondern um deren Gewicht und die eigene Gesundheit.
Politische Dimension der Töne
Ein Thema, das das Gespräch im Jahr 2026 dominiert, ist der spürbare Rechtsruck in der Gesellschaft und die Verrohung der Debattenkultur. Doss und Hoche sehen sich heute stärker denn je in der Verantwortung, Stellung zu beziehen – wenn auch nicht immer mit dem pädagogischen Zeigefinger, so doch durch die emotionale und reflexive Kraft der Musik.
Thomas Doss beobachtet eine zunehmende Polarisierung, die auch vor der Kulturszene nicht haltmacht. Für ihn ist Musik ein Medium, das Gräben überbrücken muss, ohne sich anzubiedern. »Wir müssen aufpassen, dass wir die Gesprächsfähigkeit nicht verlieren«, mahnt er. Hubert Hoche verarbeitet solche gesellschaftlichen Strömungen direkt in seinem Werk. Das Marimbaphonkonzert »Reflection« etwa wurde für ihn zum Ventil, um die aufkommenden Spannungen und die spätere Isolierung künstlerisch zu bannen. Es ist dieses »Hörbar-weitergegangen-Sein«, das sich in ihrer Musik manifestiert: Die Werke sind politischer, reflektierter und vielleicht auch ein Stück weit mutiger geworden.
Das Pflichtstück: Zwischen Handwerk und Autonomie
Ein faszinierender Aspekt ihrer aktuellen Arbeit liegt in der Gestaltung von groß angelegten Auftragswerken für die europäische Wettbewerbsszene. Obwohl beide Komponisten auf höchstem internationalem Niveau agieren, offenbart das Gespräch eine bemerkenswerte Diskrepanz in ihrer Herangehensweise an solche »Pflichtstücke«.
Thomas Doss war intensiv mit der Komposition »Alienus« für die European Brass Band Championships (EBBC) in Linz (22. bis 26. April) beschäftigt. Hier bewegt er sich in einem Genre, das für seine extremen technischen Anforderungen und seine ganz eigene Klangästhetik bekannt ist. Doss reflektiert seine Rolle dabei mit einer fast schon nüchternen Professionalität: »In der Brass-Band-Szene sehe ich mich oft als professioneller Handwerker. Ich begebe mich bewusst in ein enges Korsett, weil diese Welt nach sehr spezifischen, fast sportlichen Regeln funktioniert.« Er beschreibt den Prozess als ein Arbeiten innerhalb festgesteckter Grenzen, bei dem es darum geht, die virtuosen Möglichkeiten der Blechbläser auszureizen, ohne die Identität des Ensembles zu verraten. Doch auch hier sieht er eine Reifung: Er versucht heute, mehr Progressivität und subtile Klangfarben in eine Welt zu bringen, die früher oft nur auf Lautstärke setzte.
Ganz anders nähert sich Hubert Hoche seinem aktuellen Großprojekt, einem Pflichtstück für den europäischen Blasmusikwettbewerb in Stuttgart (ECWO; 20. bis 22. November)). Während Doss das »Korsett« des Genres als handwerkliche Herausforderung akzeptiert, scheint Hoche dieses ständig dehnen zu wollen. Für ihn ist die Besetzung des sinfonischen Blasorchesters kein starr definiertes Medium, sondern eine Leinwand für seine ganz persönliche Tonsprache. Er betont seine kompromisslose Haltung der letzten Jahre: »Ich schreibe heute nur noch Stücke, die zu 100 Prozent meinem Stil entsprechen. Entweder man will meine Musik, oder man will sie nicht.« Für Hoche gibt es keine Trennung mehr zwischen »Gebrauchsmusik« für einen Wettbewerb und freier Kunst. Er mutet den Orchestern seine Vision zu, statt sich den Erwartungen der Juroren anzupassen.
Visionen mit 60: Von Posaunen und E-Gitarren
Trotz der beachtlichen Kataloge, die beide vorzuweisen haben, gibt es auch mit 60 noch weiße Flecken auf der persönlichen Landkarte. Es ist fast ironisch, dass Thomas Doss, der selbst studierter Posaunist ist, noch immer auf seinen ersten großen Auftrag für ein Posaunenkonzert wartet. »Vielleicht ist dieses Interview ja die Initialzündung«, scherzt er.
Hubert Hoche hingegen träumt von der ganz großen Bühne – einem Ballett oder einer Oper. Ursprünglich, sagt er, komme er ja aus der Rockmusik. Ob die E-Gitarre, sein erstes Instrument, den Weg ins Blasorchester findet, da ist er skeptisch, was die klangliche Umsetzung angeht: »Wenn ich irgendwo eine kleine E-Gitarre im Orchester höre – das geht gar nicht. Da komme ich aus meinem Tunnel nicht raus – wenn, dann muss es der richtige Sound sein.« Er lacht.
Am Ende des Gesprächs steht eine visionäre, augenzwinkernde Idee im Raum: Ein gemeinsames Werk für Posaune und E-Gitarre. Es wäre die perfekte Synthese zweier Biografien, die sich vor zehn Jahren trafen, durch Krisen gereift sind und heute mit 60 fester im Sattel sitzen als je zuvor.
Fazit: Eine Dekade der Reife
Das Treffen 2026 zeigt zwei Künstler, die den »Sturm und Drang« hinter sich gelassen haben, ohne ihre Leidenschaft einzubüßen. Sie sind heute weniger getrieben vom Wunsch nach schneller Anerkennung, sondern vielmehr vom Wunsch nach Relevanz. Der Weg von 50 zu 60 war für Thomas Doss und Hubert Hoche eine Reise zum Wesentlichen. Wer ihre Musik hört, wird feststellen: Sie ist nicht leiser geworden – aber sie hat deutlich mehr zu sagen.
»Die Prioritäten haben sich einfach verschoben«, resümiert Hubert Hoche. Es geht um Gesundheit, um Zeit für sich selbst und um die Freiheit, auch einmal Nein zu sagen. Dass daraus eine künstlerische Qualität erwächst, die tiefer geht als die rein technische Brillanz der früheren Jahre, ist das eigentliche Resümee dieses 60. Geburtstags.

Hubert Hoche
studierte nach einer Schreinerlehre von 1991 bis 2000 Komposition und Dirigieren an der Hochschule für Musik »Franz Liszt« in Weimar. Er vertiefte seine Studien u. a. bei Bernhard Haitink und Jan Cober. Als mehrfacher Preisträger (u. a. »Jugend komponiert«, BDMV/GEMA-Stiftung) schuf er bedeutende Werke wie »Nebelbilder« oder das spartenübergreifende Projekt »MYSTIKA« (2017).
Sein Schaffen umfasst Kooperationen mit renommierten Klangkörpern wie der Weimarer Staatskapelle und dem Polizeiorchester Bayern sowie zahlreichen Solisten. Neben seiner kompositorischen Tätigkeit engagiert sich Hoche stark kulturpolitisch: Er ist Mitbegründer der »Weimarer Frühjahrstage«, Vizepräsident der WASBE Deutschland und Vorstandsmitglied im Deutschen Komponist:innenverband Thüringen.
Thomas Doss
studierte Posaune, Komposition und Dirigieren in Linz, Wien, Salzburg und Maastricht. Ein Studienaufenthalt führte ihn zudem an die MGM-Studios in Los Angeles. Bereits mit 23 Jahren wurde er Chefdirigent des Sinfonieorchesters Quedlinburg. Heute zählt er international zu den erfolgreichsten Komponisten für sinfonisches Blasorchester und Brass Band; seine Werke werden weltweit in Häusern wie der Royal Albert Hall oder dem Wiener Musikverein aufgeführt.
Doss arbeitete mit Künstlern wie Chris de Burgh und John Williams zusammen und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den OÖ Landeskulturpreis. Als Pädagoge und Autor von Standardwerken zur Instrumentationslehre prägt er die Dirigierausbildung in Oberösterreich und lehrte u. a. am Konservatorium Wien und in Bozen.



