Das Debütalbum „Generations of Jazz“ erschien 1994, seitdem wurde der Trompeter Till Brönner zu einem der etabliertesten deutschen Jazzmusiker. Für viele seiner Alben erhielt er Gold und Platin Awards des Bundesverbands Musikindustrie und verschiedene Kulturpreise. Sein derzeitiges Repertoire „Italia“ widmet sich Songs von Cantautori wie Lucio Battisti und Paolo Conte, italienischer Popmusik sowie Filmmusik. Im Interview gibt er Einblicke in die Entstehung des Programms, den Einsatz von Flügelhorn und Trompete, die langjährige Zusammenarbeit mit seinem Bruder Pino, seine Kooperation mit Trompetenkollege Malte Burba an der Musikhochschule Dresden und den Stand der Dinge beim seit über zehn Jahren angestrebten „House of Jazz“ in Berlin.
Es ist seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil von Till Brönners Trompeterlaufbahn, dass er sich gern in ganz unterschiedliche Besetzungen begibt. So stand er einerseits über die Jahre schon mit verschiedenen Jazzensembles auf der Bühne, ist anderseits aber immer wieder auch mit Bigbands und manchmal mit klassischem Streichorchester zu hören. Als Jugendlicher spielte er im damals gerade erst von Peter Herbolzheimer gegründeten Bundesjazzorchester, das sich in den vergangenen Jahrzehnten als eine Kaderschmiede des deutschen Jazz etabliert hat.
In den 1990er Jahren musizierte der Trompeter in der damals noch bestehenden RIAS Big Band Berlin. Sein 1994 veröffentlichtes Debütalbum »Generations of Jazz« konnte er im Ensemble mit den US-amerikanischen Künstlern Ray Brown am Bass und Jeff Hamilton am Schlagzeug sowie dem deutschen Musiker Frank Chastenier am Klavier und dem französischen Saxofonisten Grégoire Peters einspielen. Spannende internationale Kooperationen wurden ihm im Lauf der Zeit noch einige zuteil, etwa mit Dave Brubeck, Joe Sample, James Moody, Mark Murphy, Bob James und Monty Alexander. In der inländischen Musikszene wiederum zählten etablierte Künstlerinnen und Künstler wie Hildegard Knef und Klaus Doldinger zu seinen musikalischen Partnern.
Kooperationen mit Bigbands und Orchestern
Über die Jahre luden die deutschen Rundfunkbigbands den Trompeter für wechselnde Kooperationen ein. Ab und an gab es Konzerte oder Einspielungen mit klassischen Orchestern wie dem Deutschen Symphonieorchester Berlin und dem WDR Funkhausorchester. Die Repertoires, bei denen Brönner zwischen Trompete und Flügelhorn sowie gelegentlichen Vocals wechselt, sind dabei stilistisch mal mehr im Jazz verankert, nähern sich anderswo klassischen Gefilden, verarbeiten Filmkompositionen oder Lieder.
»German Songs« erschien 1996 und wandte sich großenteils bekannten deutschen Liedern der 1930er und 1940er Jahre zu. Knapp zwanzig Jahre darauf wurden auf dem 2014 veröffentlichten »The Movie Album« internationale Filmkompositionen für eine Besetzung mit dem Deutschen Symphonieorchester Berlin und einem Jazzensemble neu arrangiert und interpretiert. Als Solistinnen und Solisten wirkten bei einzelnen Stücken Soul- und Jazzsänger wie Joy Denalane und Gregory Porter mit.
Etwas von diesen bereits in den jeweiligen Produktionen erprobten Herangehensweisen zeigt sich im derzeitigen Repertoire »Italia« ebenfalls. Das bringt nun Lieder italienischer Cantautori mit Popsongs und Filmmusik zusammen. So trifft etwa der Popsong »Amarsi un po´« von Lucio Battisti von 1977 auf den Klassiker »Via con me« von Cantautore Paolo Conte aus dem Jahr 1981. Ein Orchester mischt dieses Mal zwar nicht mit. Aber abgesehen von einem international besetzten Ensemble lud Brönner erneut Vokalistinnen und Vokalisten für einzelne Stücke ins Studio ein, etwa Sera Kalo und Chiara Civello. Eingespielt wurde in Rom und Bari und im international besetzten Ensemble finden sich nicht wenige italienische Jazzmusiker. Für Brönner gab es neben weiteren Anknüpfungspunkten dieses mal einen biografischen. In sehr jungen Jahren verbrachte er selbst einige Zeit in der italienischen Hauptstadt und sieht sich davon bis heute beeinflusst.
Wie in zahlreichen Produktionen ist der Trompeter erneut weniger derjenige, der die Musik komponiert. Über weite Strecken ist es mehr so, dass er Repertoire auswählt und ein Ensemble von Künstlerinnen und Künstlern zusammenstellt, das es mit ihm in entsprechenden neuen Arrangements auf die Bühne und ins Studio bringt. Bereits bei früheren Gelegenheiten waren italienische Songs und Kompositionen Teil solcher Produktionen. Dass das Italienthema dieses Mal komplett im Mittelpunkt steht, ist in der Form noch relativ neu. Die Idee hatte der Musiker allerdings schon geraume Zeit vorher und sie konkretisierte sich während einer anderen Kooperation, wie er in einem Videointerview Ende Januar bestätigt.

Du hast vor einigen Jahren mit der hr-Bigband ein Italienrepertoire gespielt und jetzt mit deinem Ensemble die Veröffentlichung »Italia«. Wie viel hat das eine mit dem anderen zu tun?
Das Thema Italien hat mich schon länger beschäftigt, und ich wusste, dass ich es früher oder später als Konzeptalbum umsetzen würde. Als die hr-Bigband auf mich zukam und sich die Möglichkeit ergab, in der Alten Oper Frankfurt ein Projekt zu realisieren, war das der ideale Anlass, mich künstlerisch konkret damit auseinanderzusetzen. Rückblickend haben wir damals tatsächlich eine Basis gelegt für das, was heute auf »Italia« zu hören ist. Solche Projekte entwickeln sich oft organisch, und nicht selten zeigt eines, was man im nächsten weiterführen oder anders machen möchte.
Einige Musikerinnen und Musiker, die damals bei dieser Bigbandkooperation dabei waren, sind jetzt in deinem Ensemble.
Das stimmt. Magnus Lindgren etwa, der damals die Band leitete und arrangierte, ist wieder dabei, ebenso Christian von Kaphengst. Es gibt eine feste Gruppe von Musikerinnen und Musikern, die meinen Sound über Jahre hinweg mitprägen, teils sehr zentral.
Es gibt unzählige Möglichkeiten, aus italienischen Liedern von Cantautori, Popsongs und italienischer Filmmusik auszuwählen. War das schwierig, zu entscheiden, was du davon in das Repertoire für das Album nehmen möchtest?
Schwierig würde ich es nicht nennen, aber sehr spannend. Das italienische Repertoire ist nahezu unerschöpflich. Bei manchen Stücken stellt sich die Frage, ob es eine neue Version überhaupt braucht, und wenn ja, warum gerade von mir. Einige haben wir bewusst neu gedacht und transformiert, andere haben uns in dieser Auseinandersetzung nicht überzeugt und sind konsequent weggefallen. Am Ende war es ein Prozess des Ausprobierens, bis sich eine Essenz herauskristallisierte: eine Verneigung vor handgemachter Musik, im Jazz verwurzelt, aber offen in viele Richtungen, und Italien als großem Impulsgeber gewidmet.
Gibt es Stücke oder Songs, die dir persönlich besonders wichtig sind, von denen du sagst, dazu hast du eine biografische Verbindung?
Ja, mehrere. Einige Songs sind eng mit meiner Kindheit verbunden und tragen diese Italien-Erfahrung später in Deutschland weiter. »Viva la felicità« etwa, die Geschichte von Herrn Rossi und seiner Suche nach dem Glück. Oder »Arrivederci«, das ich aus einer Filmszene mit Chet Baker kenne, der viele Jahre in Italien lebte und Europa sehr verbunden war. Hinzu kommen Anklänge an Italo-Disco sowie eigene Kompositionen. In der Summe hat mir diese Mischung großen Spaß gemacht. Gleichzeitig wollten wir ausloten, wie sehr die Trompete auch dann den Ton angeben kann, wenn Gesangsgäste beteiligt sind, ein wichtiger Aspekt der Heterogenität dieses Albums.
Du setzt sowohl Flügelhorn als auch Trompete ein, zum Beispiel für »Parole, Parole« das Flügelhorn und für »L´Unica Chance« die Trompete. Kommt das von den Songs, von den jeweils dafür eingeladenen Sängerinnen, oder wie entscheidest du, welches von den beiden du spielst?
Das hängt davon ab, wie sich das Instrument in den Gesamtklang einfügt. Für lyrische, warme Momente eignet sich das Flügelhorn besonders gut. Bei anderen Stücken war sofort klar, dass es die Trompete sein muss, etwa bei »In alto mare«. Mein klangliches Ideal ist immer die menschliche Stimme. Je näher ich ihr komme, desto richtiger fühlt sich der musikalische Ort an.
Dann ist das sicher mit den unterschiedlichen Sängerinnen und Sängern eine interessante Herausforderung, was du in der Interaktion mit ihnen jeweils aus der Musik machen kannst.
Die Stimme ist naturgemäß sehr dominant. Der Vorteil der Trompete liegt darin, dass sie der Sängerin oder dem Sänger nicht die Aufmerksamkeit nimmt. Dadurch entsteht ein offener Dialog. Deshalb werde ich auch häufig eingeladen, auf Alben von Vokalistinnen und Vokalisten mitzuwirken. Ein instrumentales „Duett“ lässt sich unverfänglicher gestalten und ist dennoch sehr inspirierend.
Du hast selbst in ganz jungen Jahren eine Menge Zeit in Rom verbracht. Hat das Album eine nostalgische Komponente für dich?
Eher eine biografische als eine nostalgische. Die Zeit in Rom hat mir früh ein Gefühl für Menschlichkeit, Nähe und familiäre Werte vermittelt. Das sind Dinge, die mir bis heute wichtig sind. Für Musik, die dem Leben zugewandt ist und weniger der Einsiedelei, ist das ein sehr fruchtbarer Boden.
Du hast einen Bruder, Pino, ihr seid beide in der Musikbranche, er ist aber kein Musiker. Kommt es vor, dass ihr zusammen arbeitet?
Mein Bruder hat mich über viele Jahre gemanagt. Wir blicken auf eine intensive und erfolgreiche Zeit zurück. Ich würde sagen, es gibt kaum jemanden, der mich besser kennt und einschätzen kann als er. In schwierigen Phasen hat er mich begleitet und wesentlich zu meinem heutigen Stand beigetragen.
Gibt es diese Situation heute noch, dass er zu einem deiner Konzerte geht?
Natürlich. Wir haben viele gemeinsame Freunde, und da er weiterhin in der Musikbranche arbeitet, gibt es immer wieder Überschneidungen. Man tauscht sich aus, fragt nach Einschätzungen zu Künstlern oder Managements. Das Verhältnis ist bis heute sehr kollegial. Vor allem in Berlin waren das prägende, sehr gute Jahre, in denen wir die Stadt gemeinsam erleben konnten.
Du bist seit langer Zeit in Dresden an der Musikhochschule Professor und Kollege von Malte Burba. Wie hat sich das entwickelt?
Der damalige Leiter der Jazzabteilung, Günter „Baby“ Sommer, lud mich zu einem Meisterkurs ein. Dabei lernte ich sowohl ihn als auch die Hochschule kennen. Seit 2009 unterrichte ich dort. Die Stelle teile ich mir von Beginn an zu gleichen Teilen mit Malte Burba. Er verantwortet den technischen Bereich, ich den musikalischen. Diese Kombination ist ein großer Gewinn, sowohl für uns als Lehrende als auch für die Studierenden, was sich klar im Niveau der Absolventinnen und Absolventen zeigt.
Malte Burba hat dir vor Jahren ganz gut weiterhelfen können bei einem Ansatzproblem. Ist das etwas, was du inzwischen bei anderen Trompeterinnen und Trompetern gesehen hast und ihnen dann empfohlen hast: »Damit könntest du zu Malte gehen.«?
Absolut. Malte Burba ist für mich wie für viele Blechbläser die erste Adresse bei ernsthaften Problemen. In schwierigen Fällen verweise ich direkt an ihn, was oft zu nachhaltigen Lösungen führt. Der Vergleich mit einem Arzt liegt nahe, nicht umsonst nenne ich ihn liebevoll den „Trompetendoktor“.
Es gibt noch ein Projekt, mit dem du viel zu tun gehabt hast, das »House of Jazz« in Berlin. Das hat eine Menge Vorgeschichte und scheint nach jetzigem Stand der Dinge einer tatsächlichen Vervollständigung entgegenzugehen. Was kannst du darüber sagen?
Die Idee zum »House of Jazz« ist über fünfzehn Jahre alt. Nach langen Vorarbeiten wird inzwischen auch politisch anerkannt, dass eine solche Einrichtung sinnvoll wäre. Konkrete Zusagen gibt es jedoch noch nicht, vor allem aus finanziellen Gründen. Es handelt sich ausdrücklich nicht um eine Ausbildungsstätte, sondern um ein professionelles Begegnungs- und Entwicklungslabor für Musikerinnen und Musiker auf internationalem Niveau. Berlin hat als europäische Jazzmetropole das Potenzial, einem solchen Haus Sichtbarkeit zu geben und neue Impulse zu setzen.
Text: Christina M. Bauer


