Orchestra | Von Hans-Jürgen Schaal

Töne und Haptik. Warum wir in der Musik Gegenstände brauchen

Haptik
Foto: Joanjo Puertos Muñoz – Pixabay

Mit einem echten Buch lernen wir leichter als mit Online-Medien. Die Pädagogik spricht in diesem Zusammenhang von den “Vorteilen haptischer Zugriffe”. Anfassen und “Be-Greifen” – das ist gerade auch bei der Musik wichtig, deren Töne so spurenlos zerrinnen. Töne und Haptik. Warum wir in der Musik Gegenstände brauchen.

Die Musik sei “abstrakt und mystisch”, schrieb Thomas Mann einmal, sie sei “die der Wirklichkeit fernste und zugleich die passionierteste der Künste”. In der Tat kann uns Musik so tief ergreifen, wie es kein Buch und kein Gemälde vermag, kann uns emotional erschüttern und mitreißen, ohne dabei aber konkret zu werden, unsere Lebenswelt abzubilden oder sie nachzuahmen. Musik spricht scheinbar ohne Umwege zu uns – aber wir wissen nicht recht zu sagen, was und wovon sie eigentlich spricht. Die Romantiker verstanden sie daher als ein “Geisterreich”, etwas Dunkles und Unbeschreibliches. Man hat die Kunst der Musik zwar gelegentlich mit der Architektur verglichen – doch es handelt sich um eine Architektur der Schallwellen, der bloßen Luftbewegungen, die unsichtbar bleiben und spurlos verschwinden. Seit Jahrtausenden machen die Menschen Musik, aber kein klingender Ton aus Antike oder Mittelalter hat die Zeiten überdauert. Musik ist immateriell.

Geistertrommel, Teufelsgeige, Zauberflöte, Engelsharfe

Die Dinge, mit denen diese körperlose Musik erzeugt wird, galten in vielen frühen Kulturen als magische Gegenstände: die Geistertrommel, die Teufelsgeige, die Zauberflöte, die Engelsharfe… Musikinstrumente rufen das Geisterreich der Töne herbei, bewegen und betören uns mit der übersinnlichen Kraft der Klänge. Weil Musik unfassbar bleibt, rätselhaft und unerklärlich, kommt den Dingen und Menschen, die Musik herauf­beschwören können, eine besondere Bedeutung zu. Fast die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch konnte Musik nur erklingen, wenn reale Musikerinnen und Musiker mit ihren Instrumenten gegenwärtig waren. Sie waren die Zauberer, die Instrumente die Zaubergeräte. Die un­sicht­bare Musik verdinglicht sich im Musikinstrument. Gerade weil der Klang wie ein überirdischer Zauber ist, suchen wir das Fassbare, das Begreifbare daran: den Gegenstand als Lern- und Erinnerungshilfe. Wir bestaunen Musik­instrumente, Effektgeräte und Zubehörteile, als wäre die Musik in ihnen eingesperrt.

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