Soulige bis rasante, weit schweifende Saxofonlinien, energetische Improvisationen, lang gehaltene hohe Töne, markantes Tremolo: Die New Yorker Künstlerin Lakecia Benjamin ist inzwischen eine der etabliertesten Saxofonistinnen der internationalen Jazzszene. In den vergangenen Jahren stemmte sie einige aufwendige Produktionen, in denen sie Stars mit aufstrebenden Talenten zusammenbrachte. Für die komponierte sie ein stilistisch vielseitig beeinflusstes Repertoire. Im Jahr 2023 konnte sie einen Deutschen Jazzpreis entgegennehmen (Kategorie Blasinstrumente international), für einen Grammy war sie schon mehrmals nominiert. Im Interview berichtet sie über ihre Inspiration, wichtige Kooperationen und ihre soeben erschienene Einspielung »We Dream«, mit der sie das Jahr über auf Tour ist.
Eine Menge hat sich getan seit jenem Debut, als Lakecia Benjamin mit ihrer damaligen Band Soul Squad auftrat. »Retox« erschien 2012 bei Motéma Music und war noch wesentlich mehr im Bereich Soul bis Funk und R›n›B verankert. Einen wichtigen Wendepunkt markierte 2020 »Pursuance: The Coltranes«. Erstmals brachte die Absolventin der New School in einem größeren Ensemble Stars der Szene und auftstrebende Talente zusammen und näherte sich stilistisch mehr als vorher dem Jazz an. Das Repertoire würdigte und ergänzte auf einfallsreiche Art Kompositionen von John und Alice Coltrane.
Das neue Album
Wenige Wochen nach einem schweren Unfall zog die Künstlerin ihre lang vorbereitete Europatournee durch. Das inspirierte sie zum Namen für ihre 2023 veröffentlichte und bisher meist beachtete Einspielung »Phoenix«. Erstmals komponierte die Saxofonistin dafür die gesamte Musik. Ein Jahr darauf erschien daran anknüpfend das Livealbum »Phoenix Reimagined«. Nun also »We Dream« (Artwork Records), inspiriert von Träumen, Ideen und Empowerment angesichts der nicht wenigen Herausforderungen der Gegenwart. Die Künstlerin gab Mitte März in einem Interview in München Einblicke in die Entstehung. Dort spielte sie am selben Abend im Night Club des Hotels Bayerischer Hof ein Konzert mit ihrem neuen Repertoire.
Warum nanntest du deine neue Einspielung »We Dream«?
Ich denke, alle meine Vorhaben betonen eine Art Widerstandsfähigkeit, Positivität und Vielfalt. Ich wollte die Zuhörer auf eine Art in meine persönliche Welt bringen, in die Träume, die ich derzeit habe, fast, als wünschte man sich einen besseren Planeten. Wir durchleben kollektiv als Menschheit eine schwierige Zeit. Schwierige Zeiten sind gewissermaßen mein Thema. Sogar mit den Gästen auf diesem Album wollte ich ein Ensemble von innovativen Helden arrangieren, zu denen ich aufsehe, mit verschiedenen musikalischen Stilen. Nur sie können tun, was sie tun. Sie sind versiert in allen Genres. Es geht darum, der Menschheit eine Botschaft von Positivität und Träumen zu geben.
Du integrierst eine Menge stilistische Einflüsse. Seit einiger Zeit kommt von dir selbst Spoken Word und Rap dazu, hat das aus deiner Sicht dieses Mal einen hohen Anteil?
Das Album fängt an mit Spoken Word von mir und mit Terence Blanchard an der Trompete. Wenn Leute in Amerika den Sound von Terence Blanchard hören, denken sie als erstes an Spike Lee, eine cinematografische Welt. Ich wollte die Zuhörer in diese Denkweise bringen, in der ich war, als ich anfing, das Stück zu komponieren. Da gibt es keine Frage, wo wir anfangen. Im Verlauf des Albums gibt es einige Gäste, die Spoken Word und Rap beisteuern. Ich bringe selbst immer wieder Spoken Word mit rein, um auf eine Art zu erzählen. Den Zuhörern wird durch das Album hindurch erzählt, was passiert. Wenn wir zu einem anderen Gastmusiker gehen ist es fast, als gingen wir in eine andere Welt.

Du hast schon bei »Phoenix Reimagined« Spoken Word und Rap beigesteuert. Hast du da einen anderen Teil deiner musikalischen Stimme entdeckt?
Auf eine Art. In den Tagen von Soul Squad gab es einige Songs, in denen es hier und da Rap gab. Ich fing an, damit zu experimentieren und mich mit dieser Seite von mir zu beschäftigen. Als wir mit »Phoenix« auf Tour waren, waren Angela Davis und Sonia Sanchez nicht dabei. Daher fehlten ihre Gedichte und Spoken Word Beiträge. Ich hatte selbst immer schon eigene Gedichte und Spoken Word geschrieben. Also versuchte ich, das in unsere Livekonzerte zu integrieren. Ich ging die Songs durch und änderte einige davon, um das zu ergänzen. So entstand »Phoenix Reimagined«. Das ist, wie wir »Phoenix« live spielten. Wir wollten das dokumentieren, weil es so anders war als die produzierte Version. Das wurde für mich essentiell. Es wurde zu etwas, das jetzt ein wirklich großer Teil von mir ist. Auf eine Art dämpft das Saxofon fast die eigene Stimme. Man hat die Noten und es macht fast keinen Unterschied, ob man amerikanisch, deutsch oder von woanders ist, das ist vielsprachig. Man versucht zu erraten, was das Saxofon sagt. Aber man richtet sich danach, was für ein Gefühl es einem gibt. Man weiß nicht sicher: ‹Ist sie wütend, traurig oder glücklich?› Der Zuhörende erhält ein Gefühl, aber das ist das eigene, nicht unbedingt meines. Mit den Worten gibt es keine Frage, worüber wir reden, was wir sagen, welche Botschaft wir artikulieren wollen. Ich denke, dass darin manchmal mehr Kraft ist.
Du hast schon mit Terri Lyne Carrington produziert, dieses Mal mit Kassa Overall. Wie hast du das entschieden?
Terri war das ganze Album (schmunzelt). Sie bringt viel ein. Bei »Phoenix«, nach dem Coltraneprojekt, als ich gerade wieder zum Jazz kam, mich stilistisch veränderte, und mit den vielen weiblichen Gastkünstlerinnen, brauchte ich jemanden, der mich aus der Methode holte in der ich war. Jemanden, den ich anerkannte, die Geschichte, die sie haben, wie sie spielen, wie sie denken und produzieren, so dass sie mir sagen können: »Das hört sich nicht gut an.« Jemand, der ein anderes Gehör hat, eine andere Perspektive, und mehr Erfahrung als ich, so dass ich zuhörte. Die Koproduktion mit Kassa ist mehr eine kollaborative Sache. Wir sind Gleichaltrige. Ich kenne ihn, seit ich an der High School war. Da ist einiges an dem, was er in seiner Musik macht, wie er Hip Hop und Jazz kombiniert, wie er selbst rappt, was er als Schlagzeuger und Produzent macht. Ich wollte nicht, dass sich das Album anhört wie ein Livequintett. Ich wollte moderne Elemente der Produktion mit reinbringen, die man heute im wirklichen Leben hören würde. Der Zuhörer soll nicht den Eindruck haben, womöglich ist das 1960er Jahre Coltrane. Um das im Jahr 2026 zu verorten, brauchte ich Fertigkeiten, die ich nicht habe. Ich dachte, im Kern machen wir das über die Rhythm Section, die Art der eingesetzten Sounds und dadurch, wie wir mikrofonieren. Wenn wir entscheiden, moderne Elemente reinzubringen, brauchen wir eine Balance, so dass es nicht überproduziert wirkt.
Bei »Flame Keeper« spielen Hiromi, Chris Potter, Miki Hayama und einige weitere. Siehst du dich so, als Flame Keeper?
Nein, jedes der Stücke mit Gastmusikern ist für diese komponiert. Einzelne sind möglicherweise noch für andere komponiert. »Flame Keeper« habe ich für Hiromi geschrieben. Sie ist der Flame Keeper. Ich bin auf ihrem Weg, denke ich. Die Idee war, ich beschreibe auf eine Art den Respekt, den ich für ihre Musik habe in Funk, Jazz, Fusion, ihre klanglichen Möglichkeiten zwischen den Keyboards und dem Klavier, den Anschlag, den sie am Klavier hat. Ich habe den Eindruck, dass sie möglicherweise nicht so viel Anerkennung von den puristischen Jazzfans bekommt für das, was sie tut. Aber es heißt etwas, aus einer anderen Kultur zu kommen und diese Kunstform zu umarmen, auf die Art, wie sie das tut, als Frau, und damit Arenen zu füllen, und da ist ihre Bühnenpräsenz. Ich würde nicht sagen, wir sind ähnlich, aber wir sind ähnlich in unserer Begeisterung. Wir bewegen das Publikum durch die Art, wie wir spielen. Selbst wenn sie keine technische Virtuosin wäre, kann sie unmittelbar dem Publikum kommunizieren, was sie fühlt. Ich dachte, sie bekommt nicht genügend Hervorhebung. Ich wollte ein Stück, das hervorhebt, was sie tut und was sie bedeutet. Sie ist aus einer anderen Kultur, aber wir haben sie umarmt. Ich bin dankbar für ihre Musik und obwohl sie schon eine ganze Zeit lang da ist, wächst sie weiter. Und ich kannte sie nicht. Ich sah sie in Newport und dachte, vielleicht spielen wir mal zusammen.
Du hast Bilal eingeladen, wie kam das?
Er ist innovativ auf seine ganz eigene Art. Sie stecken ihn in das Genre Neosoul, allerdings denke ich, das ist es nicht. Es ist einfach Musik. Es sieht aus, als wäre er ein Soulsänger, aber er ist sehr kreativ im Bereich Avantgarde, im Jazz, in der spirituellen Welt. Er ist der einzige, der singt wie er.
Du hast Chris Potter am Tenorsaxofon eingeladen, wie hast du das entschieden?
Für jedes Album lade ich so viele Leute ein, wie ich kann. Jeder Saxofonist, egal in welchem Genre, weiß, er fetzt. Fetzen ist mein Stil. Ich wollte jemanden, der ähnlich ist oder sogar besser als ich. Jemanden, der mich bei der Session an die Wand spielen kann. Sogar mit meiner Musik, die ich geübt und die er vorher nie gesehen hatte, spielte er komplett verrückte Sachen. Ich schrieb für ihn das Stück »Dream Breaker«.
Welches Stück hast du für Terence Blanchard geschrieben?
»Beyond the Dawn«, das ist für mich das erste Stück des Albums, denn es ist das Herz der Einspielung. Es ist mehr in dieser spirituellen Coltrane, McCoy Tyner Welt. Das Gedicht »First Light«, mit dem es anfängt, zeichnet das Bild davon, dass wir von einem Ort der Verzweiflung herkommen. Die Dinge sind nicht gut, alles liegt in Trümmern, Leute hungern, die Zivilisation weiß nicht, was sie tun soll. Manchmal sagen Menschen: »Beim ersten Licht des Tages gehen wir.« Wenn die Dämmerung kommt, gehen wir weiter und versuchen, rauszufinden, was als nächstes zu tun ist. Von allen Gästen war er für mich der feste Gast. Ich habe immer jemanden als Gastmusiker dabei, der auf eine Art fast das Album definiert. Für mich ist da seine Karriere, von Art Blakey den ganzen Weg durch die moderne Musik bis hin zu diesem zentralen Filmmusiker. Er hat eigene Opern komponiert. Er hat als Jazzmusiker eine Residency an der Metropolitan Opera. Die klassische Welt erkennt sein Talent an, neben womöglich noch Wynton Marsalis. Er leitet SF Jazz und bringt die junge Generation auf die große Bühne an Orten, wo alle sagen: »Steck sie in einen kleinen Club«, und teilt womöglich die Rechnung, so dass wir eine Chance haben.

In deinen letzten Produktionen hast du immer diese Kooperationen mit sehr etablierten Jazzmusikern und Stars sowie jungen, aufstrebenden Talenten. Das wirkt, als wäre das heutzutage charakteristisch für deine Repertoires.
Ich habe davon in den Soul Squad-Tagen immer geträumt. Da fand ich keinen Weg, hatte nicht genug Reichweite, ich war blockiert, wie ich mit solchen Musikern zusammenarbeiten konnte. Es gab immer Kollaborationen mit weniger bekannten Gästen. »We Dream« ist möglicherweise jetzt die letzte größere Kollaboration.
Warum ist das so?
Wegen des Ziels. Die Jazzmusiker der alten Schule gingen zu John Coltrane, Duke Ellington oder Charles Mingus. Ich suche meine Gäste auch nach dem Aspekt aus, wen ich gern als Mentor hätte. Also suche ich Leute aus, von denen ich gern nach der Kooperation noch etwas lernen würde. Als ich damals mit »Pursuance« anfing, kannte ich die Gäste vorher nicht. Jetzt kann ich Dee Dee Bridgewater eine Kurznachricht senden.
Du hast letztes Jahr ein Konzert gespielt mit der Geneva Camerata. Jonathan Keren hat dafür dein Stück »Amerikkan Skin« arrangiert. Wie war es, mit einem Orchester zu arbeiten?
Meine erste Kooperation mit einem Orchester war mit dem BBC Concert Orchestra. Aber das war die erste Kooperation mit der Musik von »Phoenix«. Es ist besonders, die eigene Musik in einer Orchesterbesetzung zu hören. Es ist ein ganz anderes Gefühl. Die Geneva Camerata ist nicht so streng wie normale Orchester. Sie spielen nicht nur die komponierten Teile, sie sind offen für Improvisation. Wenn man sagt: »Lass uns diese Section loopen.« wissen sie, was das heißt. Der Dirigent und der Violinist, der das Arrangement gemacht hat, sind versiert in den Nuancen des Jazz. Sie luden einen Schlagzeuger ein. Sie interagieren mit einem auf eine Art, selbst wenn das Stück komponiert ist.
Kannst du dir vorstellen, so was öfter zu machen?
Am 23. September spielen wir an Coltranes Geburtstag mit einem Orchester seine Musik. Ich habe meine Band dabei, wir werden einige von meinen Songs spielen. Wir feiern seinen hundertsten Geburtstag im größten Konzertsaal den Amerika hat, der Hollywood Bowl. Nach uns spielt Wynton Marsalis. Das ist großartig.
Christina M. Bauer

