Wood | Von Cornelia Härtl

Tubax und Co: Benedikt Eppelsheim baut Holzblasinstrumente

Eppelsheim

Benedikt Eppelsheim hat sich mit seiner Werkstatt in München auf sehr hohe und sehr tiefe Holzblasinstrumente spezialisiert. Damit hat er eine Nische gefunden, in der er sich weltweit einen Namen gemacht hat. Wir sprachen mit ihm über das tiefe Holz, seine Entwicklung, das Tubax, und weitere Ideen.

Wie kommt man auf die Idee, nur ganz hohe und ganz tiefe Holzblasinstrumente zu bauen? “Das ist ganz einfach das Segment, das der Markt übrig lässt”, erklärt Eppelsheim. “1999 habe ich mein erstes Tubax auf der Musikmesse in Frankfurt dabei­gehabt. Schon damals war mir klar, wenn ich da ein Altsaxofon vorgestellt hätte: Das merkt keiner! Und das meine ich ganz unabhängig von der Qualität. Wenn man sich als kleine Werkstatt ­behaupten möchte, dann geht das nur in einer Nische.”

Deshalb habe er sich auf extrem hohe und ex­trem tiefe Instrumente festgelegt, also etwas, was die anderen Hersteller gar nicht oder zumindest nicht schwerpunktmäßig anbieten. Dagegen könne man auch als kleine Werkstatt ankommen. “Selmer beispielsweise baut auch eine Kontrabassklarinette, aber ebenfalls in sehr kleinen Stückzahlen, dementsprechend sind die Lieferzeiten lang und der Preis sogar noch höher. Da können wir gut mithalten.” Im Massen-Segment wäre das dagegen undenkbar.

Eppelsheim ist eigentlich gelernter Blechblas­instrumentenbauer, hat dann aber auf Holzblasinstrumente umgesattelt und die Holzblas­instrumentenbau-Meisterprüfung abgelegt. Dieser Werdegang ist zwar etwas ungewöhnlich, aber “für mein Ziel war das der beste Weg”. 

Musizieren und Instrumentenbau sind sehr zeitaufwendig

Sich selbst bezeichnet er als “schlechten Amateursaxofonisten”. Mittlerweile spiele er nicht mehr aktiv, da er mit seiner Leistung nicht zu­frieden war. “Man kann nicht beides auf hohem Niveau machen”, sowohl das Musizieren als auch der Instrumentenbau seien sehr zeitaufwendig, erklärt Eppelsheim. Trotzdem kommt seine berufliche Motivation daher: “Niemand macht eine Blasinstrumentenbaulehre, weil er sich für Messing interessiert. Wer Instrumente baut – egal welcher Instrumentengattung – kommt durch das Spielen dahin.”

In Eppelsheims Werkstatt arbeiten momentan zwei freie und zwei festangestellte Mitarbeiter sowie ein Mini-Jobber. Außerdem wird er bald auch wieder einen Auszubildenden einstellen. “Keiner kann alles gleich gut. In der Ausbildung muss natürlich jeder alles machen, aber schon da stellt sich relativ schnell heraus, wer lieber die grobe Korpusarbeit oder die feine Endmontage macht, bei der unglaublich genau gearbeitet werden muss.” Jeder sei in gewisser Weise Spezialist auf seinem Gebiet. 

Weil die tiefen Saxofone sich nicht ganz so gut verkaufen, erweiterte Eppelsheim sein Sortiment auf die Kontrabassklarinette – sie sollte den Betrieb wirtschaftlich tragen. Und diese Rechnung sei auch aufgegangen. Die Herstellung der Instrumente sei im Prinzip ähnlich. “Der einzige technische Unterschied ist, dass wir bei den Kontrabassklarinetten, die zylindrisch sind, das Korpusrohr als fertiges, nahtlos gewalztes Rohr kaufen können, während die konischen Instrumente aus einem flachen Zuschnitt zusammengelötet werden. Bei der Mechanik ist der Arbeitsprozess genau gleich.”

Auch wenn hinter seinem Beruf eine musika­lische Motivation steckt, betrachtet Eppelsheim seine Arbeit heute rein technisch. Tatsächlich klingt Eppelsheim auch sehr nüchtern und sachlich, wenn er über seinen Beruf spricht. Seine Auffassung, wenn Instrumenten ein gewisser Charakter nachgesagt wird: “Das würde ich als Fehler bezeichnen. Ein gutes Instrument ist charakterlos. Das ist wie ein Skelett, dass der Musiker oder die Musikerin mit Leben erfüllt.” Es überrascht also auch nicht, dass er keines der Instrumente aus seinem Sortiment als Lieblingsinstrument hervorheben möchte. Nach einem kurzen Zögern ergänzt er: “Die beste und vielleicht einzige, richtige Idee meines Lebens war das Tubax. Doch, darauf bin ich schon stolz.”

Das Tubax

Die Idee zum Tubax kann Eppelsheim bis 1990 oder 1991 zurückverfolgen. Schon ganz zu Beginn seiner Ausbildung schwirrte sie ihm im Kopf umher. Ein praktikables Kontrabasssaxofon habe es nicht gegeben, bei den wenigen Instrumenten auf dem Markt sei die Intonation problematisch und das Instrument aufgrund der enormen Größe nur schlecht zu transportieren gewesen. “Ich wollte ein gut spielbares, aber auch transportables Instrument. Diese Idee hat mich einfach nicht mehr losgelassen. Und wider Erwarten habe ich es tatsächlich geschafft – und das Instrument wurde auf dem Markt sogar recht gut angenommen.” Schon drei Monate nach der ersten Präsentation auf der Musikmesse in Frankfurt 1999 hatte er acht Bestellungen vor­liegen. Und so fasste Eppelsheim als Spezialinstrumentenhersteller Fuß. “Damit hätte ich nicht gerechnet.”

Eppelsheims Instrumente kämen vor allem in Musikschulen und Universitäten, bei musikalischen Spezialisten zum Einsatz. Auch Sammler gehören zu seinem Kundenkreis. Er ergänzt: “Es gibt aber auch einige Blasmusikver­eine, die das Tubax als Bassstimme einsetzen, weil es ein bisschen akzentuierter sein kann als eine schlecht gespielte Tuba.”

Spielen können das Tubax alle Saxofonistinnen und Saxofonisten, wenn sie nicht gerade auf Sopran und Alt spezialisiert sind. “Für jemanden, der Baritonsaxofon spielt, ist das fast keine Umgewöhnung.” Aber worin liegt dann der Unterschied? “Statt zwei Oktavklappen gibt es beim Tubax drei, die Griffweise ändert sich dadurch allerdings nicht.” Zwar gebe es für das Tubax spezielle Mundstücke, das Instrument könne aber auch mit einem normalen Baritonsaxofon-Mundstück und gängigen Blättern gespielt werden. “Ansonsten hätte das Instrument auf dem Markt gar keine Chance.”

Mittlerweile gebe es auch schon Literatur speziell für das Tubax. Die Initiative hierfür geht Eppels­heim zufolge von den Musikerinnen und Musikern aus, die dann mit einem entsprechenden Wunsch an Komponierende herantreten.  

Sonderanfertigungen und Kundenwünsche von Eppelsheim

Pro Jahr werden in Eppelsheims Werkstatt etwa 15 große Instrumente und sechs bis sieben Piccolosaxofone, sogenannte Soprillos, gebaut. Seine Instrumente fertigt er in Klein-Serien: “Das Tubax beispielsweise ist bei uns eigentlich ein Standardinstrument, das bauen wir in Zwölfer-Serien.” Eine Ausnahme sind Sonderanfertigungen, also spezielle Kundenwünsche. Ein dänischer Architekt und Hobbymusiker wollte 2007 beispielsweise ein Tubax in Basslage in C. Das Tubax definiert sich allerdings dadurch, dass das Hauptrohr umgelegt ist – und dafür sei ein Basssaxofon in C einfach zu kurz.

“Ich habe ihm dann ein möglichst kompaktes Instrument gebaut, ein Basssaxofon in C, eng mensuriert und mit Altsaxofonmundstück spielbar. Ein Bekannter von ihm aus Berlin hat dann genau das gleiche bestellt. Zwei Saxofonfreaks aus der Schweiz und den USA haben das Instrument dann bei mir in der Werkstatt gesehen und es ebenfalls bestellt.” Ebenso wie ein Kunde aus Japan, der auch sonst das komplette Eppelsheim-Sortiment geordert habe und auf der Website darauf aufmerksam geworden sei. “Auf die Idee zu ­diesem Instrument wäre ich selbst nicht ge­kommen. Die geht komplett auf einen Kundenwunsch zurück. Aber das Instrument funktioniert gut.” 

Ein Serieninstrument wird daraus trotzdem nicht. Eppelsheim denkt nach: “Wenn wir davon ein Dutzend gemacht hätten, wie vom ersten Kunden nahegelegt, weiß ich nicht, ob wir das wirtschaftlich überstanden hätten.” 300 Arbeitsstunden stecken in einem solchen Instrument. Für eine Serie mit zwölf Instrumenten wäre damals die Arbeitsleistung für ein komplettes Jahr erforderlich gewesen. Die Wartezeit für Sonderanfertigungen sind entsprechend lang, zwei bis drei Jahre könne es schon dauern. 

Ein Großteil seiner Instrumente gehe ins Ausland. “Die meisten Kundinnen und Kunden bestellen die Instrumente einfach so«, also ohne sie vorher ausprobiert zu haben. Oft auch aufgrund der großen Entfernung. Eppelsheim profitiert dabei von seinem guten Ruf, aktiv Werbung macht er nicht. »Man darf die Kundinnen und Kunden natürlich nicht enttäuschen. Aber weil die Instrumente so exotisch sind, spricht sich das einfach herum.”

Ist die Nische schon voll ausgefüllt?

Kopiert wurde Eppelsheims Tubax noch nie. Und auch die Konkurrenz bei den anderen Instrumenten sei überschaubar: In seiner Nische gebe es nur einen Mitbewerber in Brasilien. “Der war 2010 auf der Musikmesse in Frankfurt, da habe ich die Instrumente auch mal ausprobiert.” Sorgen mache er sich deshalb allerdings nicht. Qualitativ hält er seine Instrumente für deutlich besser. Auf viele YouTube-Videos mit Instrumenten der brasilianischen Konkurrenz haben Userinnen und User mit Videos von seinen Instrumenten reagiert. Er lacht: “Indirekt ist das sogar Werbung für mich.”

Neben den tiefen Holzblasinstrumenten bietet  Eppelsheim auch das Soprillo an, also ein sehr hohes Saxofon: “Tatsächlich habe ich das Piccolo-Saxofon noch vor dem Tubax gebaut. Damals war ich einfach jung und ungestüm und wollte mal sehen, wie weit ich eigentlich gehen kann.” Das Prinzip Nischenmarkt funktioniere auch hier. “Ich wollte etwas bauen, was die anderen nicht anbieten oder weniger Wert darauf legen.”

Und ist mit seinem Angebot die Nische nun voll ausgefüllt? “Ich weiß es nicht. Mir fällt nichts mehr ein, aber ich bin ja inzwischen auch mittelalt. Das macht einen Unterschied: Erstens sind die eigenen Ideen nicht mehr so wichtig. Als ich jung war, musste ich mit dem Kopf durch die Wand und manche Wände haben tatsächlich nachgegeben. Zweitens bin ich inzwischen auch einfach so ausgelastet, dass ich gar keine Zeit mehr habe, darüber nachzudenken, ob ich noch etwas anderes machen will.”

Eppelsheim verweist auf ein Zitat von Steve Jobs: “Der Tod ist wahrscheinlich die beste Erfindung des Lebens. […] Er räumt das Alte weg, um Platz zu machen für das Neue.” Dieser Aussage stimmt er voll und ganz zu. Er glaubt: “Um in der Blasmusikbranche eine weitere solche ­Nische zu finden, braucht es glaube ich noch ­einmal so einen Freak. Ich hatte meine Ideen und habe das Gefühl, dass da auch nicht mehr kommt.”

www.eppelsheim.com