DTB, News, Orchestra, Verbände | Von Klaus Härtel

Turnermusik – der klingende Herzschlag der Turnfeste

Turnermusik – der klingende Herzschlag der Turnfeste
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Das Sinfonische Blasorchester Wehdel beim Festkonzert 175 Jahre Turnermusik in Regensburg (Foto: Rene Kramer)

Wenn beim Deutschen Turnfest Tausende Musikerinnen und Musiker gemeinsam aufspielen, wird spürbar, was Turnermusik ausmacht: Gemeinschaft, Tradition und ein starkes Wir-Gefühl. Holger Scheel erklärt, warum Trommel und Turnplatz seit über 175 Jahren zusammengehören – und warum die Turnermusik heute neu sichtbar werden will.

Turnen und Musik – diese Verbindung wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich. Während Turnen spätestens bei Olympischen Spielen fest im öffentlichen Bewusstsein verankert ist, bleibt die Turnermusik oft im Hintergrund. Dabei ist sie so alt wie die organisierte Turnbewegung selbst. »Von Anfang an gehören die Turnerspielleute dazu«, sagt Holger Scheel, der sich als Vorsitzender des Technischen Komitee Turnermusik im Deutschen Turner-Bund seit vielen Jahren auf Bundesebene für die Turnermusik engagiert.

Turnermusik

Wie die Musik zu den Turnern kam 

  • 1811: Friedrich Ludwig Jahn gründet den ersten Turnplatz in Berlin – Turnen als Teil einer Freiheitsbewegung.
  • Turnsperren: Heimliche Turnübungen außerhalb der Städte, begleitet von Trommlern und Pfeifern.
  • 1848: Gründung des Deutschen Turner-Bundes; Spielleute gehören von Beginn an dazu.
  • 1863: Erstmals wird ein Deutsches Turnfest bewusst musikalisch gestaltet.
  • 20. Jahrhundert: Entwicklung von Spielmannszügen, Blasorchestern, Fanfaren- und Schalmeienzügen.
  • Heute: Turnermusik als eigenständiges Fachgebiet im DTB mit bundesweiter Organisation.

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Die Ursprünge reichen weit vor die Gründung des Deutschen Turner-Bundes im Jahr 1848 zurück. Schon Friedrich Ludwig Jahn, der »Turnvater«, verstand Turnen nicht nur als Sport, sondern als Teil einer gesellschaftlichen Freiheitsbewegung. »Die Turner waren in ihrer Anfangsphase immer der Freiheit zugewandt«, beschreibt Scheel diese Zeit.

Trommel, Pfeife, Freiheitsgeist

Turnvereine wurden im 19. Jahrhundert mehrfach verboten, es kam zu sogenannten Turnsperren. Geturnt wurde trotzdem – heimlich, außerhalb der Städte, »im Wald oder auf dem Feld«, wie Scheel sagt. Wenn die Turner zu diesen Treffpunkten marschierten, waren Trommler und Pfeifer dabei. Die Musik gab den Gleichschritt vor und erfüllte eine wichtige Funktion bei den damaligen Wehrübungen. »Man brauchte Signalhörner, um sich verständigen zu können«, erklärt Scheel.

Mit der Revolution von 1848 und der Gründung des Deutschen Turner-Bundes wurde diese Verbindung offiziell. Auch politisch waren die Turner präsent: Friedrich Ludwig Jahn saß als Abgeordneter in der Frankfurter Nationalversammlung. Ab dieser Zeit ist auch die Turnermusik historisch belegt. »Ab 1848 gab es immer Spielleute«, sagt Scheel.

Leipzig 1863: Der Beginn der musikalischen Turnfeste

Ein Meilenstein war das dritte Deutsche Turnfest 1863 in Leipzig. Erstmals traten die Spielleute dort nicht nur funktional auf, sondern gestalteten das Turnfest bewusst musikalisch. Rund 50 Trommler zogen morgens spielend durch die Stadt. »Zum ersten Mal wurde ein Turnfest gezielt mit Musik bereichert«, sagt Scheel. »Und genau das ist bis heute unsere Aufgabe.«

Von da an entwickelte sich die Turnermusik kontinuierlich weiter. Aus einzelnen Spielleuten wurden Spielmannszüge, später auch Fanfarenzüge und Blasorchester. Besonders prägend war die Entwicklung in den 1960er- und 1970er-Jahren, als viele Spielmannszüge den Schritt zum Blasorchester gingen.

Heute ist die Turnermusik ein eigenständiges Fachgebiet im Deutschen Turner-Bund – eines von insgesamt 22. Rund 60 Prozent der Ensembles sind Blasorchester, etwa 30 Prozent Spielmannszüge. Hinzu kommen Fanfarenzüge sowie Schalmeienorchester, eine Besonderheit aus der Zeit der deutschen Teilung. »Beim Deutschen Turn- und Sportbund der DDR gab es eine eigene Entwicklung, und diese Schalmeienorchester gibt es bis heute«, erklärt Scheel.

Die Turnermusik ist dabei stark regional geprägt. »Schleswig-Holstein ist das Land der Spielmannszüge, Brandenburg das der Fanfarenzüge und Hessen das Blasmusikland«, sagt Scheel. Entsprechend vielfältig sind Klangbilder, Repertoire und musikalische Traditionen – gepflegt in den jeweiligen Landesturnverbänden.

Trotz dieser Vielfalt verbindet alle Turnerorchester ein gemeinsamer Kern: die Turnfeste. »Was uns ausmacht, ist, dass wir bei den Turnfesten auftreten«, betont Scheel. Dort gehe es nicht nur um Musik, sondern um Gemeinschaft. Großkonzerte mit mehreren tausend Musikerinnen und Musikern sind seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Turnfestkultur.

Ein persönliches Schlüsselerlebnis hatte Scheel beim Deutschen Turnfest 1978 in Hannover: »Mit 2000 Musikern im Stadion zu stehen und gemeinsam den ›Kyffhäuser Turnermarsch‹ zu spielen – das war ein Gänsehautmoment.« Dieses Gefühl prägt die Turnermusik bis heute. »Das ist manchmal wie eine große Familie«, sagt Scheel. Beim vergangenen Turnfest in Leipzig habe sogar ein Juror aus den USA diesen Eindruck bestätigt: »It seems like a family.«

Musikabteilung statt Musikverein

Ein struktureller Unterschied zu klassischen Musikverbänden liegt in der Organisation. Die meisten Turnerorchester sind keine eigenständigen Musikvereine, sondern Abteilungen innerhalb von Turnvereinen. »Wir reden nicht von Musikvereinen, sondern von Musikabteilungen im Turnverein«, erklärt Scheel. Rund 90 Prozent der Ensembles seien so eingebunden – gleichberechtigt neben Turn-, Schwimm- oder Fußballabteilungen.

Eigenständige Turnermusikvereine gibt es vor allem in Ostdeutschland, bedingt durch den Umbruch nach der Wiedervereinigung. Musikalisch unterscheide sich die Arbeit vor Ort jedoch kaum von anderen Orchestern. Der wesentliche Unterschied liege im Dachverband: »Wir sind bundesweit organisiert«, sagt Scheel. Neben dem Deutschen Feuerwehrverband sei der DTB der einzige Verband, der Blas- und Spielleutemusik auf Bundesebene bündelt.

Trotz ihrer langen Geschichte ist die Turnermusik außerhalb der Szene wenig bekannt. Das soll sich ändern. »Wir müssen die Marke Turnermusik sichtbarer machen«, fordert Scheel. Der frühere Begriff »Musik- und Spielmannswesen« sei sperrig gewesen und habe wenig Identifikation ermöglicht. »›Turnermusik‹ sagt klar, wo wir herkommen.«

Eine Zukunftswerkstatt im Jahr 2025 bestätigte diesen Kurs. Ein zentrales Ergebnis: Gemeinschaftliche Erlebnisse sind für die Turnerorchester besonders wichtig. Daraus entstanden neue Formate wie das Deutsche Turnermusikfest, das künftig alle vier Jahre stattfindet. Ergänzt wird es durch einen bundesweiten Musikkongress, neue Bildungsangebote und digitale Fortbildungen.

Ab 2027 ist zudem ein »Tag der Turnermusik« geplant. An einem festgelegten Tag sollen
Turnerorchester bundesweit auftreten – sichtbar, gemeinsam und unter eigener Flagge. »Wir wollen uns zeigen«, bringt es Holger Scheel auf den Punkt.

Blick nach vorn

Die Hochzeit der Turnermusik lag in den 1980er- und 1990er-Jahren. Daran möchte man anknüpfen – nicht nostalgisch, sondern zukunftsorientiert. Große Gemeinschaftsorchester, persönliche Begegnungen und neue Netzwerke sollen das Fundament bilden. »Darum geht es«, sagt Scheel. »Um Begegnung, um dieses Persönliche. Nur so hat die Turnermusik eine Zukunft.«