Jutta Keeß ist keine Musikerin, die sich in Schubladen stecken lässt. Ob sie mit der Jazzrausch Bigband Techno-Jazz spielt, bei Dicht & Ergreifend den Beat vorgibt oder ihr »Corona-Baby«, die Bassposaune, auspackt – die Tubistin ist überall dort zu finden, wo Energie auf musikalische Qualität trifft. Ursprünglich auf dem Weg ins Lehramt, hat sie sich mit der Tuba längst als feste Größe in der Münchner Musikszene etabliert.
Im Entweder-Oder-Interview spricht sie über die Kraft des Atmens, ihre Vergangenheit in der Leichtathletik und warum sie beim Thema »Frauen an der Tuba« lieber schnell das Thema wechselt.
Jutta, Lungenvolumen oder Lippenkraft?
Auf jeden Fall das Lungenvolumen. Für mich ist das Atmen immer noch etwas ganz Besonderes. Ich beziehe das gar nicht nur auf das Blasinstrument, sondern auch auf Sport und mentale Kraft – man kann so viel über die Atmung steuern. Seit meinen Schwangerschaften habe ich da nochmal einen ganz neuen Zugang zu; dieses bewusste Atmen ist einfach etwas extrem Gutes. Sich darauf zu besinnen, ist so einfach und doch so kraftvoll. Die Tuba braucht natürlich Luft, damit überhaupt ein Ton rauskommt, wobei man mir immer sagt, bei der Querflöte sei der »Verschleiß« noch größer, weil so viel vorbeigeht. Ich finde die Tuba eigentlich ziemlich chillig, aber ein großes Volumen hilft natürlich immer.
Warum ist es denn die Tuba geworden?
Eigentlich wollte ich damals in der Jugendkapelle Posaune spielen, aber man hat mir die Tuba schmackhaft gemacht, weil gerade jemand gebraucht wurde und man mir ein Instrument leihen konnte. Die Tuba ist und bleibt meine Nummer eins: Aber ich spiele jetzt auch Bassposaune – mein »Corona-Baby«. Der Auslöser war die Jazzrausch Bigband: Wenn die elf Monate im Jahr Techno-Jazz spielen, bin ich dabei, aber im Dezember gibt es traditionellen Weihnachts-Swing mit klassischer Posaunen-Besetzung. Da hatte ich immer Pause. Als Corona kam und ich wusste, dass erst mal nichts geht, habe ich mir eine Posaune bestellt und das ganze Jahr nur diese Weihnachts-Sachen geübt, um im Dezember mitmachen zu können. Das habe ich inzwischen ordentlich ausgebaut.

Inspiration oder Transpiration?
Auf jeden Fall Inspiration. Wenn man von etwas inspiriert ist, hat man einfach richtig Lust, eine Sache auszuchecken, und ist total motiviert. In der Rückschau habe ich gemerkt, dass ich eigentlich schon immer Lust hatte, auf der Bühne zu stehen. Ich habe Musiker dort immer bewundert – gar nicht unbedingt im Blasmusikbereich. Ich bin ein großer Fan der Ärzte. Da steht jemand, singt und spielt Gitarre, Bass oder Schlagzeug… das hat mich unterbewusst wohl wahnsinnig inspiriert, selbst Musikerin zu werden.
Didaktik oder Autodidaktik?
Didaktik. Ich hatte das Riesenglück, an der Musikhochschule in München mit der Tuba eigentlich nochmal bei Null anfangen zu dürfen. Ich bin ein großer Fan davon, gute Lehrer zu haben, die wissen, wie sie einem etwas beibringen. Ursprünglich habe ich Schulmusik studiert, weil ich Lust hatte, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Dass man »freiberufliche Musikerin« als echten Beruf ausüben kann, war damals in meiner Welt gar nicht vorhanden. Während des Studiums habe ich dann so viel in der Münchner Szene ausprobiert und unterrichtet, bis ich irgendwann feststellte: »Ach krass, ich habe ja eigentlich schon einen Beruf.«
Offbeat oder auf den Punkt?
Beides! Ich liebe den Offbeat, ich mag den Backbeat, aber ich bin auch ein Riesenfan von Pausen – von allem, was zwischen den Noten passiert. Aber bei der Musik, die ich mit der Jazzrausch Bigband oder Dicht & Ergreifend mache, ist es natürlich essenziell, dass der Beat gleichmäßig durchgeht.
Rampensau oder Mauerblümchen?
Irgendwas dazwischen. Als Rampensau würde ich mich nicht bezeichnen. Ich habe mich lange als »Sidewoman« gesehen, weil man mit der Tuba ja eher in der zweiten Reihe oder an der Seite steht. Aber ich bin wahnsinnig gern auf Bühnen und merke, dass es genau das ist, was ich machen möchte.
Open Air oder Konzertsaal?
Beides ist toll. Ein guter Saal macht viel mit der Atmosphäre des Konzerts. Aber Open Air ist fantastisch, da ist alles größer und weiter. Das Woodstock der Blasmusik ist da natürlich das Maximum. Da bin ich dieses Jahr zum ersten Mal dabei – bisher hatte ich an dem Wochenende immer andere Gigs. Das wird mein persönlicher »Woodstock-Moment«.
Laut oder leise?
Die Tuba kann beides sehr gut. Wenn es nur laut wäre, würde man abstumpfen. Die Dynamik macht den Reiz aus: Im klassischen Orchester extrem leise zu spielen, aber dann auch wieder richtig klangvoll und laut. Ich mag es schon laut, ich mag es, wenn die Leute tanzen und feiern. Aber leise der Musik zu lauschen, lässt einen andere Dinge spüren. Das hat alles seine Berechtigung.
Jahr der Tuba oder Weltfrauentag?
(Wie aus der Pistole geschossen) Jahr der Tuba! Definitiv. Das war 2024 und es war wirklich cool, was da in der Öffentlichkeit thematisiert wurde. Viele Orchester haben geschaut, welche Werke sie spielen können, um die Tuba in ein anderes Licht zu rücken. In den Interviews und Workshops rückte das Instrument endlich mal in den Fokus. Das hat krass Spaß gemacht.
Die Antwort kam überraschend schnell…
Das Thema »Frau an der Tuba« nervt mich dagegen eher. Ich habe da gar keinen Bock drauf, weil es mich nicht interessiert. Es ist mir völlig wurscht, wer welches Instrument spielt. Ich sehe die Klischees, aber ich verstehe sie nicht. Es sollte eigentlich selbstverständlich sein.
Musikalität oder Persönlichkeit?
Wieder beides. Musikalität ist wichtig, aber ich tue mich mit dem Begriff schwer, weil es oft so klingt, als hätte man es oder eben nicht. Dabei gibt es so viele Nuancen und man kann viel durch Training lernen. Die Persönlichkeit ist auf der Bühne extrem wichtig: Dass man das auch wirklich will. Mit meinen Mitmusikern muss ich auf einer Wellenlänge sein. Wir müssen den gleichen Qualitätsanspruch haben. Wenn das Ergebnis am Ende nicht so ist, dass alle happy damit rausgehen, funktioniert es für mich nicht.
Bauch oder Kopf?
Bei mir ist vieles Kopf. Er seziert alle Argumente, das Für und Wider. Aber wenn der Bauch entschieden hat, ist es am eindeutigsten. Meistens geht das bei mir Hand in Hand. Bei so vielen Projekten muss man den Kopf einschalten, damit man sich nicht verzettelt und immer weiß: Welches Instrument brauche ich heute und was wird musikalisch von mir verlangt?

Individual- oder Mannschaftssport?
Ganz klar Mannschaftssport. Alleine zu spielen wäre nicht mein Ding. Ich habe früher sehr intensiv Leichtathletik gemacht, war sogar bei bayerischen und deutschen Meisterschaften. Aber je besser ich wurde, desto einsamer wurde es, weil die anderen irgendwann aufgehört haben. Die Jugendkapelle und die Stadtkapelle haben das dann komplett übernommen. Ich habe mit der Leichtathletik aufgehört, weil dieses Mannschaftsding nicht mehr da war. In der Musik habe ich das jetzt im Ensemble oder in der Band.
Frühaufsteher oder Nachtarbeiter?
Frühaufsteher! Das Klischee vom Musiker, der mittags aufsteht, trifft auf mich gar nicht zu. Schon im Studium war ich immer die Erste in den Überäumen, weil sie sonst weg waren. Disziplin gehört dazu – auch wenn die Nächte nach Konzerten mal kurz sind.
Nach vorne schauen oder zurückblicken?
Ich sehe mich im Hier und Jetzt. Nicht zu viel zurück, nicht zu viel vor – einfach im Moment sein. Das klappt mit Kindern sowieso ziemlich gut. Da bei mir bisher eh immer alles so gekommen ist, wie ich Energie reingesteckt habe, wurde ich auch nie enttäuscht.
Am Ende ist es bei Jutta Keeß wie beim Musizieren selbst: Es geht um den richtigen Moment. Ihre Karriere ist kein am Reißbrett entworfener Plan, sondern das Ergebnis von Intuition, einer großen Portion Disziplin und der Lust, sich in der »Mannschaft« einer Band voll einzubringen. Ob im Rampenlicht oder als rhythmischer Anker in der zweiten Reihe – sie bleibt im Hier und Jetzt, solange die Qualität stimmt und die Musik die Menschen zum Tanzen bringt.

Jutta Keeß
- Jutta Keeß ist Mitglied im Munich Composer Collective und in der Jazzrausch Bigband, mit der sie auch international auf Tour ist und mehrere Alben eingespielt hat. Mit der Hiphop-Mundart-Band »Dicht & Ergreifend« hat sie drei Alben als »Goldie Horn« vorgelegt. Zudem spielt sie in der Avantgarde-Pop-Band SiEA um Antonia Dering und ist als Theatermusikerin in Ingolstadt und zudem als Aushilfe bei den Münchner Symphonikern tätig.
- Woodstock der Blasmusik: Im Jahr 2026 ist Jutta als »Woodmasterin« das Gesicht des Festivals. Sie ist das gesamte Wochenende mit verschiedenen Formationen im Einsatz und feiert dort ihre persönliche Premiere.
- Botschafterin der Tuba: Als »Role Model« setzte sie sich besonders im »Jahr der Tuba« dafür ein, das Instrument in ein neues, modernes Licht zu rücken – weg von alten Klischees.


