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Was Alzheimer über das Musikgedächtnis verrät

Was Alzheimer über das Musikgedächtnis verrät
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Foto: unsplash+

Warum bleiben Lieder oft ein Leben lang im Gedächtnis – selbst dann, wenn andere Erinnerungen bereits verblassen? Forschende in Wien bringen Menschen mit Alzheimer neue Lieder bei. Das soll Aufschlüsse über das Musikgedächtnis bringen und bestenfalls neue Wege eröffnen, Musik für das Gedächtnis gezielt zu nutzen. 


Musik gräbt sich ins Gedächtnis ein. Selbst nach Jahrzehnten erinnern wir uns an die Hits aus der Jugendzeit. Viele haben abgespeichert, welche Songs sie in guten und schwierigen Lebensphasen begleiteten, und selbst das, was ihre Eltern hörten. Dass sich Melodien, die starke Gefühle auslösen, in unserem Gedächtnis verankern, ist wissenschaftlich gut belegt. Musik aktiviert Hirnareale für Emotionen, aber auch für Motorik und Wahrnehmung. Was die Forschung auch zeigt: Sie kann unsere Gedächtnisleistung verbessern. Wer selbst musiziert, profitiert besonders. Das belegen Studien mit Musiker:innen. Sie zeigen, dass die beiden Hirnhälften stärker vernetzt sind und sich das Erinnerungsvermögen verbessert. 

Eine wissenschaftlich ungelöste Frage war lange, warum selbst Alzheimer-Betroffene häufig alte Lieder und damit verknüpfte Erinnerungen abrufen können. Inzwischen hat man herausgefunden, dass das Langzeitgedächtnis für Musik im Gehirn anatomisch auch in Bereichen verortet sein dürfte, die bei Bewegung eine Rolle spielen. 

Musik für das Gedächtnis

Wie lässt sich all dieses Wissen nutzen, wie entsteht das Gedächtnis für Musik überhaupt und inwiefern könnten Betroffene von Alzheimer-Demenz davon profitieren? Diesen Fragen geht ein vom Wissenschaftsfonds FWF gefördertes Forschungsprojekt an der Universität Wien nach. Unter der Leitung der Psychologin Anja-Xiaoxing Cui verfolgen Forschende in dem Projekt „Musik für das Gedächtnis“ einen neuen Ansatz, nach dem Motto: Es ist nie zu spät fürs Musizieren. Im Gegensatz zum passiven Musikkonsum, der alte Erinnerungen hervorrufen kann, wollen Cui und ihr Team an der Universität Wien herausfinden, was passiert, wenn an Alzheimer Erkrankte neu erlernte Lieder singen. Kann es ihre kognitiven Fähigkeiten verbessern und sind es bestimmte musikalische Elemente eines Liedes, an die sie sich besonders gut erinnern? 

„Es ist ein Unterschied, ob wir Musik hören oder ob wir Musik machen. Genau darin könnte der Grund dafür liegen, dass wir uns Musik besonders gut merken können“, sagt Cui. „Wir gehen davon aus, dass das musikalische Gedächtnis viel prozeduraler ist als andere Gedächtnisinhalte – also dass es mehr mit Machen zu tun hat.“ Der Antwort auf die zentrale Frage, wie das Musikgedächtnis genau funktioniert, will sich das Forschungsteam nun also ganz gezielt über Menschen mit Alzheimer nähern. Dort, wo bestimmte Areale für das kognitive Gedächtnis bereits angegriffen sind, müssen andere Strukturen aktiviert werden – so die Überlegung.

Langzeitversuch: aktives Musizieren

Für die vierjährige Studie arbeiten die Forschenden in Wien mit Partnern in Norwegen und Argentinien zusammen. Von dort fließt Expertise aus der Musiktherapie und der klinischen Forschung ein. In Wien kommen Methoden aus Psychologie, Neuro- und Musikwissenschaft hinzu. Derzeit werden in allen Ländern rund 100 Teilnehmende ab 65 Jahren rekrutiert, die bereit sind, ein Jahr lang Unterricht im Singen zu nehmen. So wollen die Forschenden valide Längsschnittergebnisse erzielen. „Wir suchen speziell Menschen, die nicht vorher Musiker:innen waren, um individuelle Unterschiede auszuschließen“, sagt Cui. „Und wir haben uns für das Singen entschieden, weil unsere Stimme das tragbarste Instrument ist.“ Dass man singen mögen muss, ist keine Bedingung, um am Projekt teilzunehmen und – so hoffen die Forschenden – um davon zu profitieren. 

Zu Beginn erfolgen EEG- und MRT-Messungen sowie neuropsychologische Testungen. Dann geht es los mit dem Spaß. „Wir arbeiten mit großartigen Musiktherapeut:innen zusammen, die die Leute zu Hause besuchen und gemeinsam mit ihnen Lieder lernen“, erklärt die Psychologin, sie ist selbst ausgebildete Klavierspielerin. Die Lieder wurden speziell für das Projekt komponiert. Cui beschreibt sie als eingängige Volkslied-nahe Stücke, die man gut singen kann. „Da wir die eigens komponierten Lieder auch musikwissenschaftlich genau kennen, können wir den Lernprozess detailliert beobachten. So untersuchen wir, welche Elemente zuerst erinnert werden, ob sich Refrain und Strophen unterschiedlich gut einprägen und ob Töne am Ende einer melodischen Phrase besonders gut im Gedächtnis bleiben.“

Per Losverfahren beginnen die Alzheimer-Patient:innen entweder mit einer intensiven oder einer leichteren Phase – dann wird getauscht. In der weniger intensiven Phase wird einmal im Monat, in der intensiveren Lernzeit zweimal pro Woche gesungen. Durch den Einzelunterricht lassen sich Effekte ausschließen, die etwa durch das gemeinsame Musizieren nur schwer zu unterscheiden wären. 

Interdisziplinäre Spurensuche

Im Laufe des Unterrichtsjahres führt das Forschungsteam weitere EEG- und MRT-Messungen durch – ebenso mit einer Vergleichsgruppe von gesunden Personen im gleichen Alter –, um natürliche Alterungsprozesse des Gehirns zu berücksichtigen. „Mit dem EEG können wir zwischen expliziten, impliziten und prozeduralen Aspekten des Gedächtnisses unterscheiden – also was für eine Art Gedächtnis aktiv ist“, erklärt Cui. In Kombination mit den bildgebenden MRT-Messungen lassen sich Gehirnareale und Gehirnaktivität abgleichen. Wenn sich hier Zusammenhänge zeigen, die auch mit den Gedächtnisreports der singenden Studienteilnehmer:innen übereinstimmen, „dann haben wir eine schlüssige Vorstellung davon, wie die Mechanik dahinter aussieht, also was für eine Art Gedächtnis da im Gange ist“, sagt die Projektleiterin.

Während die Wissenschaftler:innen in Wien, Argentinien und Norwegen auf der Suche nach dem Musikgedächtnis sind, bestätigt eine neue Studie mit Säuglingen, dass das Gehirn schon ab drei Monaten Musik verarbeitet und es mit Bewegung in Verbindung steht. Cui und ihre internationalen Kolleg:innen dürften also auf dem richtigen Weg sein, um Antworten auf die Fragen zu bekommen, warum wir uns Musik gut merken können und warum uns Rhythmen unbewusst zum Mitwippen animieren. Sollte sich darüber hinaus die Hypothese bestätigen, dass Musik hilft, das Gedächtnis zu verbessern, ließe sich die Wirkung von Musik auf das Gehirn zunutze machen. „Musik könnte ein Weg sein, eine Brücke zu Gedächtnisinhalten zu bauen, die vielleicht noch da, aber nicht mehr so leicht zu erinnern sind“, hofft Cui. 

Zur Person

Anja-Xiaoxing Cui forscht am Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien im Bereich Neuromedialität und Systematische Musikwissenschaft. Sie hat an der Queen’s University in Kanada in Psychologie promoviert und hatte bis 2022 eine Postdoc-Stelle an der School of Music der University of British Columbia inne. Vor ihrer wissenschaftlichen Laufbahn studierte Cui Klavier an der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Das Projekt „Musik für das Gedächtnis“(2025–2029) wird vom Wissenschaftsfonds FWF finanziert. 

Studienteilnahme

Interessierte, die an der wissenschaftlichen Studie „Musik für das Gedächtnis“ teilnehmen wollen, können sich direkt an die Projektleiterin wenden: [email protected]