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Was Musikvereine von Jürgen Klopp über Führung lernen können

Was Musikvereine von Jürgen Klopp über Führung lernen können
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Foto: Pexels from Pixabay

Was kann ein ehrenamtlich geführter Musikverein von einem der erfolgreichsten Fußballtrainer der Welt lernen? Erstaunlich viel. Jan Epp zeigt in seinem Beitrag, wie die Führungsgrundsätze von Jürgen Klopp – von echter Empathie über klare Werte bis zum Abgeben von Verantwortung – auch im Vereinsleben für frischen Wind, Zusammenhalt und echte Entlastung sorgen können.

Warum gute Führung nicht bedeutet, alles selbst zu machen – sondern Menschen für eine gemeinsame Sache zu gewinnen

Jürgen Klopp ist gerade wieder in aller Munde. Dabei wird viel über Taktik, Aufstellungen und Ergebnisse gesprochen. Mich interessiert an Klopp aber schon länger etwas anderes: seine Art, Menschen zu führen.

Denn wenn man sich intensiver mit seinen Aussagen, seiner Arbeit in Dortmund und Liverpool und seinem Umgang mit Spielern und Mitarbeitern beschäftigt, entdeckt man einen Führungsstil, von dem auch Musikvereine einiges lernen können.

Natürlich ist ein Profifußballverein kein Musikverein. Und ein ehrenamtlicher Vorstand ist kein Bundesligatrainer. Trotzdem stehen beide vor erstaunlich ähnlichen Fragen:

Wie bringe ich unterschiedliche Menschen dazu, gemeinsam an einem Ziel zu arbeiten? Wie schaffe ich Verbindlichkeit, ohne permanent Druck auszuüben? Wie gehe ich mit Fehlern um? Wie entwickle ich Menschen weiter? Und wie entsteht aus vielen Einzelnen tatsächlich eine Gemeinschaft?

Klopp liefert darauf einige interessante Antworten.

1. Erst der Mensch, dann die Funktion

Ein wesentliches Merkmal von Klopps Führungsverständnis ist die Bedeutung persönlicher Beziehungen. Er interessiert sich nicht ausschließlich für den Fußballer und dessen Leistung, sondern für den Menschen dahinter. Empathie bezeichnet er selbst als wichtigen Bestandteil guter Führung.

Das bedeutet allerdings nicht, dass deshalb alles erlaubt wäre. Im Gegenteil: Klopp verbindet persönliche Nähe mit hohen Erwartungen.

Genau diese Kombination ist auch im Musikverein entscheidend.

Der Kassierer ist nicht nur derjenige, der Überweisungen erledigt. Die Jugendleiterin ist nicht nur für die nächste Freizeit zuständig. Der Trompeter in der dritten Reihe ist nicht einfach die Stimme, die im Konzert funktionieren muss.

Überall sitzen Menschen mit unterschiedlichen Motiven, Sorgen, Fähigkeiten und Erwartungen.

Wer Menschen erreichen möchte, muss sich zunächst für sie interessieren.

Das bedeutet nicht, dass ein Vorsitzender zum besten Freund aller Mitglieder werden muss. Aber gute Führung beginnt mit Beziehung.

2. Nicht nur sagen, was zu tun ist – sondern wofür man steht

Klopp hat seine Mannschaften immer stark über eine gemeinsame Identität geführt. Spieler sollen nicht lediglich taktische Einzelanweisungen ausführen. Sie sollen verstehen, wie ihre Mannschaft Fußball spielen möchte und wofür sie steht.

Für Musikvereine steckt darin eine der wichtigsten Fragen überhaupt:

Wofür stehen wir eigentlich?

Viele Vereine können sehr genau beantworten, wann Probe ist, wann das nächste Konzert stattfindet und wer für den Getränkeeinkauf zuständig ist.

Schwieriger wird es bei Fragen wie:

  • Was für ein Verein möchten wir sein?
  • Wie gehen wir miteinander um?
  • Welchen musikalischen Anspruch haben wir?
  • Welche Rolle möchten wir in unserem Ort spielen?
  • Was sollen Menschen über uns sagen, wenn sie an unseren Verein denken?

Aus solchen Antworten entsteht Orientierung.

Statt zwanzig Einzelregeln zu formulieren, könnte ein Orchester beispielsweise sagen:

Wir wollen musikalisch ambitioniert, gut vorbereitet, offen, verlässlich und mutig sein.

Dann kann auch eine Probe daran ausgerichtet werden. Nicht nur: „War der Takt richtig gespielt?“, sondern auch: „War das die Art, wie wir musizieren wollen?“

Eine starke Vereinskultur entsteht, wenn Menschen irgendwann sagen können:

„So machen wir das bei uns.“

3. Gute Führung bedeutet nicht, alles selbst zu können

Einer meiner Lieblingsgedanken bei Klopp ist sein Umgang mit Expertise. Er hat immer wieder betont, dass Selbstvertrauen für ihn gerade nicht bedeutet, alles selbst wissen zu müssen.

Im Gegenteil: Gute Führung bedeutet auch, Menschen um sich zu haben, die bestimmte Dinge besser können als man selbst.

Das klingt selbstverständlich. Im Vereinsalltag sieht es häufig anders aus.

Da gibt es den Vorsitzenden, bei dem irgendwann alles landet: Homepage. Konzertorganisation. Zuschussantrag. Konflikte. Pressearbeit. Schlüssel. Busunternehmen. Nachwuchswerbung. Moderation. Und wenn am Ende noch jemand für den Getränkestand fehlt, steht er dort ebenfalls.

Das Problem daran ist nicht nur die Überlastung.

Eine Organisation, in der eine Person alles entscheidet, entwickelt zu wenig eigene Verantwortung.

Die bessere Frage lautet deshalb: Wer kann diesen Bereich besser verantworten als ich?

Vielleicht gibt es jemanden, der hervorragend mit Social Media umgehen kann. Jemand anderen, der gerne Veranstaltungen organisiert. Einen Musiker mit pädagogischem Talent. Eine junge Musikerin, die gerne Verantwortung übernehmen würde, aber noch nie gefragt wurde.

Führung bedeutet dann nicht, Aufgaben loszuwerden.

Führung bedeutet, Verantwortung zu ermöglichen.

4. Menschen entwickeln statt nur Leistung beurteilen

Auch darin steckt ein interessanter Klopp-Gedanke: Ein Spieler wird nicht ausschließlich anhand einer einzelnen Leistung beurteilt. Entscheidend sind Entwicklung, Verhalten, Einsatz und sein Beitrag für die Mannschaft.

Musikvereine können davon besonders profitieren.

Natürlich hören wir, wenn jemand einen falschen Ton spielt. Wir merken, wenn jemand noch nicht das Niveau des ersten Registers besitzt. Und natürlich gibt es unterschiedliche musikalische Fähigkeiten.

Aber die spannendere Frage lautet:

Entwickeln sich unsere Mitglieder bei uns weiter?

Das gilt musikalisch genauso wie persönlich.

Vielleicht wird aus einer schüchternen 16-Jährigen irgendwann eine hervorragende Jugendsprecherin. Vielleicht kann ein junger Musiker zunächst eine kleine organisatorische Aufgabe übernehmen und einige Jahre später Vorstandsverantwortung tragen.

Vereine sollten deshalb nicht nur fragen:

„Was kann jemand heute?“

Sondern:

„Was könnte aus diesem Menschen bei uns werden?“

Das ist Nachwuchsarbeit in einem wesentlich umfassenderen Sinn.

5. Klare Regeln sind kein Gegensatz zu Wertschätzung

Klopp wird häufig wegen seiner Emotionalität und Nähe zu Spielern wahrgenommen. Dabei wird leicht übersehen, dass sein Führungsstil gleichzeitig von Disziplin und klaren Erwartungen geprägt ist.

Das ist gerade im Ehrenamt ein sensibles Thema.

Weil Menschen freiwillig kommen, entsteht manchmal die Haltung:

„Wir können ja nichts verlangen.“

Doch Ehrenamt bedeutet nicht Beliebigkeit.

Wenn 45 Menschen um 19.30 Uhr zur Probe erscheinen und fünf regelmäßig zehn Minuten später kommen, betrifft das nicht nur den Dirigenten. Es betrifft die Zeit der anderen 40.

Der Unterschied liegt deshalb in der Begründung.

Nicht:

„Seid pünktlich, weil ich das sage.“

Sondern:

„Wir beginnen gemeinsam pünktlich, weil wir respektvoll mit der Zeit aller umgehen.“

Plötzlich wird aus einer Anweisung ein gemeinsamer Wert.

6. Energie überträgt sich

Wer Klopp an der Seitenlinie erlebt, erkennt sofort, wie viel Energie er in eine Gruppe geben kann.

Natürlich muss deshalb kein Vorsitzender künftig nach einer erfolgreichen Vorstandssitzung jubelnd durch das Vereinsheim rennen.

Aber der dahinterliegende Gedanke ist wichtig:

Die Haltung von Führungskräften überträgt sich auf eine Organisation.

Wenn der Vorstand selbst nur noch über Probleme spricht, wird es schwierig, Aufbruchsstimmung zu erzeugen.

Wenn der Dirigent lustlos zur Probe erscheint, wird er kaum Leidenschaft einfordern können.

Wenn die Jugendleitung selbst nicht an die Zukunft der Jugendarbeit glaubt, werden es die Jugendlichen ebenfalls spüren.

Führung heißt deshalb auch, sich der eigenen Wirkung bewusst zu sein.

Und gleichzeitig gehört etwas Zweites dazu: Niemand kann permanent Energie verteilen. Auch Führungskräfte im Ehrenamt brauchen Grenzen, Unterstützung und Phasen, in denen andere Verantwortung übernehmen.

7. Vielleicht die wichtigste Frage: Wie möchten Menschen bei uns geführt werden?

Fußball und Musikverein unterscheiden sich an einem entscheidenden Punkt: Im Profifußball werden Menschen dafür bezahlt, Leistung zu erbringen.

Im Musikverein kommen sie freiwillig.

Deshalb funktioniert Führung hier noch weniger über formale Macht.

Menschen bleiben, wenn sie Gemeinschaft erleben. Wenn sie wahrgenommen werden. Wenn sie sich entwickeln können. Wenn ihre Fähigkeiten gebraucht werden. Und wenn sie das Gefühl haben, Teil von etwas Sinnvollem zu sein.

Vielleicht ist deshalb das Interessanteste an Klopps Führungsstil gar nicht seine Emotionalität.

Es ist seine Fähigkeit, Zugehörigkeit und Anspruch miteinander zu verbinden.

Er vermittelt Menschen:

Du gehörst dazu.

Du bist wichtig.

Wir haben etwas miteinander vor.

Und deshalb erwarte ich auch etwas von dir.

Genau darin steckt ein starkes Führungsprinzip für Musikvereine.

Führung heißt nicht, voranzugehen und darauf zu hoffen, dass alle folgen

Vielleicht müssen wir Führung im Verein deshalb etwas anders denken.

Weniger als Position.

Weniger als Kontrolle.

Und auch weniger als die Verantwortung einiger weniger Menschen, die irgendwann alles machen.

Sondern als Aufgabe, Menschen für ein gemeinsames Ziel zu gewinnen, ihnen Verantwortung zuzutrauen und eine Kultur zu schaffen, in der sie sich entwickeln können.

Oder auf den Musikverein übertragen:

Der Vorsitzende muss nicht jedes Instrument spielen können.

Der Dirigent muss nicht jede organisatorische Aufgabe übernehmen.

Und der Jugendleiter muss nicht jede gute Idee selbst haben.

Ihre Aufgabe ist es vielmehr, dafür zu sorgen, dass die unterschiedlichen Fähigkeiten eines Vereins gemeinsam zum Klingen kommen.

Vielleicht ist das am Ende gar nicht so weit entfernt von dem, was ein guter Trainer tut.

Epp

Jan Epp 

ist Trompeter, Dirigent und Musikpädagoge. Als Leiter der Musikschule Haßloch und Coach für Musikvereine begleitet er Orchester, Ensembles und Vereinsvorstände dabei, neue Impulse für Probenarbeit, Nachwuchsgewinnung und Organisationsentwicklung zu setzen. Mit seinen Projekten »Vereinsimpulse« und »NextCulture« berät er Vereine und Kulturinstitutionen in ganz Deutschland«

www.vereinsimpulse.de