Wood | Von Arcis Saxophon Quartett

Wie soll ich üben? Fragen Sie das Arcis Saxophon Quartett

Arcis Saxophon Quartett
Hier schreibt Edoardo Zotti vom Arcis Saxophon Quartett (Foto: Harald Hoffmann).

Ask ASQ! – Fragen Sie das Arcis Saxophon Quartett! Unter diesem Titel startet die neue ­Expertenrunde rund um sämtliche Saxofonfragen. Alle Fragen sind erlaubt: Technik, Equipment, Repertoire, schreiben Sie dem Quartett unter askasq@brawoo.de. Im ersten Beitrag beschäftigt sich Edoardo Zotti (Tenorsaxofon) mit den Fragen “Wie lange sollte ich pro Tag üben?” und “Wie soll ich üben?”

Zuallererst sollten wir klären, ob wir uns über die Bedeutung von »üben« einig sind. Für mich ist Üben ein Prozess, der es uns ermöglicht, Fortschritte zu machen und mit unserem Instrument einen möglichst idealen Zustand der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit zu erreichen.

Die Hauptschwierigkeit für viele Saxofonisten (und natürlich Musiker im Allgemeinen) besteht darin, ihre Einstellung zum Üben von “nur spielen” hin zu tatsächlichem “arbeiten” zu ändern. Arbeiten bedeutet, sich auf den Moment zu konzentrieren, den Prozess zu überwachen, Strategien zur Verbesserung zu finden und selbstkritisch zu sein. Meiner Meinung nach entspricht eine Stunde fokussiertes Üben (= Arbeiten) fünf Stunden gedankenlosem Üben.

Viele Leute fragen uns: Wie lange soll ich pro Tag üben?

Auf diese Frage gibt es keine universelle Antwort. Jeder muss die für sich passende Stundenanzahl täglichen Übens finden. Meine Erfahrung brachte mich dazu, in drei (bis vier) Stunden Üben pro Tag das richtige Gleichgewicht zwischen körperlicher und geistiger Verfassung zu finden. Was für mich den Unterschied macht und mir bei der Arbeit hilft, sind diese drei Regeln: 

  1. Methode
  2. Ausdauer und Beständigkeit
  3. Geduld; die Zeit ihren Lauf nehmen lassen
Die zweite wichtige Frage ist: Wie soll ich üben?

Im Folgenden möchte ich darstellen, welchen Weg ich für mich entdeckt habe, meine Zeit zu organisieren, um meine Übungsroutine so produktiv wie möglich zu gestalten. 

Wenn wir über Routine sprechen, verbinden wir das Wort sofort mit Wiederholung, vielleicht sogar mit Langeweile. Routine bedeutet für mich jedoch einen festen Zeitplan zu haben, nicht aber, immer nur die gleichen Dinge zu wieder­holen. Es soll vielfältig, darf unterhaltsam sein und muss immer herausfordern. Das ist der Schlüssel zum Erfolg!

Jede einzelne Stunde meiner Übepraxis widme ich einem anderen Aspekt. 

Aufwärmen und Tonleiter

In der Phase “Aufwärmen und Tonleiter” wechsle ich von Tag zu Tag Dur-Skalen und die dazu­gehörigen Moll-Skalen ab. Ich beginne immer mit langen Tönen über den gesamten Tonumfang des Saxofons und spiele dann die Tonleiter in mittlerer bis schneller Geschwindigkeit in unterschiedlichen Artikulationen und Rhythmen. Schließlich beende ich diese erste Phase mit Intervallabfolgen und Arpeggien. Von Zeit zu
Zeit füge ich auch gerne andere Übungen mit Crescendo- und Diminuendo-Tönen oder Übungen für das Vibrato hinzu. Ein sehr empfehlenswertes Buch dazu ist “Les gammes conjointes et en intervalles” von Jean-Marie Londeix (Editions Henry Lemoine).

Etüden

In der Phase “Etüden” würde ich einen Tag langsame Etüden mit einem Tag schneller Etüden abwechseln. Warum das? Auf diese Weise kann ich gezielt an verschiedenen Aspekten arbeiten und mich jeweils auf ein schönes Legato und einen gesunden Klang konzentrieren. Anschließend auf Artikulationen und Sicherheit beim Durchspielen.

Diese Phase des Übens könnte aufgrund der zu berücksichtigen Parameter und den Grundlagen, an denen wir arbeiten, ähnlich wie die nächste sein, aber es gibt einen Hauptunterschied: Etüden sollen jeden einzelnen Parameter (oder maximal zwei) isolieren, damit wir uns gezielter darauf konzen­trieren können.

Hierzu gibt es viele verschiedene Bücher, die ich empfehlen kann, aber vor allem hängt es vom eigenen Stand am Instrument ab. Zwei Bücher, die für mich sehr hilfreich waren, sind “Douze Ètudes-Caprices pour saxophone” von E. Bozza (Alphonse Leduc) und “48 Ètudes for oboe or saxophone op.31″ von W. Ferling.

Repertoire

In der Phase “Repertoire” ist für mich der zen­trale Aspekt die langsame Aneignung des Stücks. Spiele zuerst langsam und aufmerksam, dann schnell (und aufmerksam). Wenn du schon beim langsamen Üben deine Idealvorstellung im Kopf hast, kannst du diese viel klarer ins schnelle Tempo übertragen. Es geht auch hier nicht um die Quantität der Töne, die aus deinem Instrument kommen, sondern immer um die Qualität. Wenn ich ein neues Stück lese, beginne ich mindestens mit der Hälfte des Endtempos. Hilfreich hierbei ist, in jedem Tempo (vor allem dann, wenn dieses beschleunigt wird) ein Metronom zu verwenden.

Teile dir deine Zeit gut ein

Um meine Übungsstunden effektiv zu organisieren, fand ich die “Übungsuhr” äußerst inspirierend, die in dem Buch des Saxofonisten John Harle “The Saxophone” (Faber FF Music) erklärt wird. Ich teile jede Übungsstunde in drei Teile zu je 15 Minuten auf. In diesen 15 Minuten sind meine Aufmerksamkeit und mein Fokus auf einem extrem hohen Niveau.

Übungsuhr, Practice Clock, Üben

Auf jede 15-minütige Phase des Übens folgen fünf Minuten Pause. Nach dieser kurzen Pause gehe ich mit neuer Frische wieder an die Arbeit, was den Prozess des Fortschritts natürlich beschleunigt. Ein weiterer wichtiger Aspekt zur Optimierung der Übungszeit ist die Überwachung des Prozesses. Ich schlage hierzu vor, ein Tagebuch zu führen, in dem Tag für Tag alle posi­tiven und negativen Punkte des täglichen Übens aufgeschrieben werden. Auf diese Weise kann man den nächsten Tag mit besonderem Fokus auf die Dinge beginnen, die zu verbessern sind und nicht die, die man bereits kann.

Abschließend möchte ich sagen, dass vor allem die Entschlossenheit, daran zu arbeiten, sein Ziel zu erreichen (neben dem Fokus), den Unterschied im Üben ausmacht. Es ist natürlich einfach zu üben, wenn alles gut läuft und man motiviert ist. Weniger einfach ist es, die Motivation zu finden, wenn gerade keine da ist. Das passiert jedem!