Brass | Von Joachim Kunze

Wie trainiert man die Lippen? Jupiter-Workshop für Blasmusiker

Für das Spielen eines Blechblasinstruments benötigt man ein System bestehend aus Ansatz, Atmung und Zunge. Häufig wird der Ansatz – also die Lippe – vorschnell allein für gutes oder schlechtes Spiel verantwortlich gemacht. Eine wesentliche Rolle spielt die Lippe bei der Tonhöhenveränderung. Wie kann man sie trainieren?

Es ist immer wieder interessant, Blechbläser beim Auspacken ihres Instruments zu beobachten. Kaum ist das Instrument ausgepackt, das Mundstück aufgesteckt und kurz an die Lippen geführt, schon hört man die Feststellung: “Oje, heute ist mein Ansatz nichts!” Doch nicht der Ansatz ist das Problem, sondern genau dieser unsinnige Kommentar. ­Sicher ist der Ansatz beim Blechblasen ein wichtiger Teil, aber eben nur ein Teil des gesamten Systems Blechblasen. 

Wenn der Rest einwandfrei funktioniert, kann man auch mit einem vermeintlich schlechten ­Ansatz erstaunliche Leistungen vollbringen. Ich kann da aus Erfahrung sprechen, gehöre ich doch zu den armen Blechbläsern, bei denen das Herpesvirus gerne mal an den Lippen aufblüht. Doch selbst damit habe ich schon den ein oder anderen Auftritt gespielt, denn auch wenn das An- oder Absetzen, gelegentlich auch das Spielen, erhebliche Schmerzen erzeugt, das Blechblasen an sich funktioniert durchaus. 

Fatale Fehleinschätzung

Aber kommen wir zurück zu der Aussage über den angeblich schlechten Ansatz. Wir alle wissen ja, dass sich das System Blechblasen aus Ansatz, Atmung und Zunge zusammensetzt. Eine Vorab-Aussage über den Zustand des Systems zu machen, bevor man dieses überhaupt komplett hochgefahren hat, ist fatal. Ohne vorherige Prüfung wird das System und seine Funktion durch eine solche Aussage negativ beeinflusst. 

Das Schlimmste aber ist, dass sich die negative Einstellung, mit der man nun ans Blechblasen geht, wie ein böser Fluch über einen legt und jeder Fehler sofort auf die Lippe geschoben wird: Jedes Problem ist somit eine Bestätigung der kurz nach dem Auspacken getroffenen Aussage. Es entsteht eine Spirale, die die Blechbläserin oder den Blechbläser immer mehr in die Defensive drängt. Jetzt funktioniert nicht nur die Lippe nicht mehr richtig, sondern auch Atmung und Zunge tun nicht mehr was sie sollen – das ganze System wackelt. 

Die Lippe

Wir wollen uns in diesem Workshop aber nicht mit dem kompletten System Blechblasen befassen, sondern nur mit der Lippe. Zuerst muss man sich bewusst machen, dass die Lippe der primäre Schwingungserzeuger ist, so wie bei einer Gitarre die Saite. Um die Tonhöhe zu verändern, muss man etwas an der primären Schwingungsquelle verändern. Bei einer ­Gitarre macht man das, indem man die ­Saite verkürzt, sie spannt oder auch entspannt. 

Bei der Lippe ist das ähnlich: Durch Spannen und Entspannen kann die Tonhöhe verändert werden. Damit meine ich aber nicht, die Lippe nach hinten zu ziehen – eine Tonhöhenveränderung wird durch Kontraktion und Relaxation erreicht. 

Das Mundstück unterstützt die Tonhöhenveränderung. Darum ist es wichtig, die Lippenmuskulatur aktiv zur Tonhöhenveränderung einzusetzen. 

Muskeltraining

Muskeln kann man trainieren, auch die Gesichtsmuskulatur, die für das Blechblasen eingesetzt wird. Wichtig beim Trainieren der Muskeln ist, dass man systematisch und zielorientiert vorgeht. Ich muss nicht nur die Kraft des Muskels aufbauen, sondern auch die Motorik trainieren und programmieren. Das übt man am besten ohne Instrument, indem man die Bewegung der Muskeln vor einem Spiegel übt. 

Ansatz
Maximalspannung des Mundringmuskels. Eine Möglichkeit des Muskeltrainings. Das Üben von entspannten Lippen in diese Position und wieder entspannen wäre eine Übung der Motorik.

Auch die Kontraktion der einzelnen Muskeln zu halten kann man üben. Es gibt inzwischen auch eine Vielzahl von Hilfsmitteln für das Muskel­aufbautraining. Eine Bewertung würde den Artikel sprengen, aber es sind durchaus brauchbare Werkzeuge dabei, mit denen man den Muskelaufbau in der richtigen Form und auch die für das Blechblasen benötigte Motorik üben kann.

Lippen
Maximalkontraktion des Mundringmuskels mit allen Hilfs­muskeln: Die Hilfsmuskeln können auch einzeln trainiert werden. Hier gilt ebenfalls, das Üben von entspannten Lippen in diese Position und wieder entspannen wäre eine Übung der Motorik.

Der nächste Schritt wäre dann, das “trocken” Geübte auf das Instrument zu übertragen.

Viel Spaß beim Üben

Euer Joachim Kunze

Jupiter

Joachim K. Kunze

(*1966) studierte Instrumentalpädagogik in Mainz. Er gehört zu den vielseitigsten Trompetern Europas. Warme, gefühlvolle Töne bis hin zu Highnotes im viergestrichenen Bereich – sein Klangspektrum füllt die ganze Bandbreite der Trompete aus. Dies machte ihn zu einem gefragten Trompeter in verschiedenen Funk-, Rock-, Jazz- und Bigbands. 

Inzwischen konzentriert er sich hauptsächlich auf seine eigenen Projekte, die »Firehorns«, “2play” sowie “Bummeldaun Syndrom”, in denen eigene Kompositionen gespielt werden. 

Er ist Musiklehrer an der Adolf-Reichwein-Schule in Friedberg. Blechblasinstrumente unterrichtet er an der Musikschule Bad Nauheim. Als Dozent der Firma JUPITER gibt er Workshops in Deutschland, Österreich und der Schweiz. 

Als Komponist stammen alle Stücke der beiden CDs der »Firehorns« aus seiner Feder. Neben Kompositionen für Blechbläser, Gitarren, Streicher, Holzbläser und Ensembles mit verschiedensten Besetzungen schreibt er auch Musicals für Schulen. Als Autor für Instrumentalschulen, Bücher und Werke (“Trumpet Power Play”, “Start frei! – Einfach Trompete lernen”, “Alles Kopfsache?“, “ORETAG”) hat er sich inzwischen einen Namen gemacht. Bei zahlreichen Kompositionswettbewerben erhielt er bereits Auszeichnungen. www.jo-kunze.de

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