Brass, Orchestra | Von Klaus Härtel

Wie Üben zum musikalischen Ritual wird

Wie Üben zum musikalischen Ritual wird
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Foto: dlohner from Pixabay

Wer an traditionellen Instrumentalunterricht zurückdenkt, hat oft starre Lehrpläne, Etüdenfriedhöfe, mechanisches Abspulen von Übungen und einen chronischen Leistungsdruck im Hinterkopf. Wer kennt das Szenario aus der eigenen Jugend nicht? Einmal in der Woche war Probe oder Unterricht. In den Tagen davor hieß es von den Eltern mahnend an der Kinderzimmertür: »Du musst noch üben!« Doch was passiert im Gehirn und in der Psyche eines jungen Menschen, wenn das Musizieren von Anfang an mit Druck, Verpflichtung und lästiger Pflichterfüllung verknüpft wird? Wie nimmt man diesen Druck aus dem Kessel, sodass das Üben von der ersten Stunde an Freude macht, motiviert – und am Ende auch noch gut klingt?
Über diese und weitere Kernfragen der modernen Musikpädagogik sprach BRAWOO-Autor Klaus Härtel mit zwei ausgewiesenen Experten der Blechbläserszene: Kristin Thielemann (Pädagogin, Dozentin und Autorin unter anderem von Trumpet World) und Prof. Wolfgang Guggenberger (Trompetenpädagoge, Dozent und Autor von Basics Plus).

Teil 1 einer zweiteiligen Serie über Motivation, innere Klangvorstellung und moderne Didaktik im Blechbläserunterricht.

Starre Routine vs. Musikalisches Ritual

Gleich zu Beginn der Diskussionsrunde stößt das Wort »mechanisch« bei beiden Experten auf deutlichen Widerstand. Wolfgang Guggenberger stellt dazu klar: »Das Mechanische im Üben ist vielleicht das Kontraproduktivste, was wir überhaupt machen können – sowohl in technisch-methodischer Hinsicht als auch für die nachhaltige Motivation. Der Pianist Alfred Brendel hat einmal gesagt: Sinnvolles Üben sollte ein produktives Vergnügen sein. Darin stecken zwei entscheidende Wörter: sinnvoll und produktiv. Üben darf kein Herunterleiern von Übungen oder Stücken sein. Es muss immer ein greifbares Ergebnis haben, das dem Musizierenden eine innere Befriedigung schenkt und ihn spürbar weiterbringt.«

Doch wie gelingt im Alltag der Schülerinnen und Schüler der Weg weg von dieser mechanischen Pflicht hin zu echter Begeisterung? Für Kristin Thielemann liegt der Schlüssel in einer bewussten Umdeutung und Haltungstransformation: »Beim Erlernen eines Blechblasinstruments gibt es schlichtweg körperliche Abläufe und Grundübungen, die wir regelmäßig wiederholen müssen – das ist ein physikalischer und physiologischer Fakt. Aber wenn wir diese Dinge nur noch ‚routiniert‘ abarbeiten, verliert das Spiel ganz schnell seinen Zauber. Ich bin deshalb ein riesiger Fan davon, Routineübungen nicht als starre Abfolge zu sehen, sondern als ein Ritual zu gestalten – als etwas Wunderschönes, das uns in eine ganz besondere Stimmung versetzt. . Warum sollten wir Altbewährtes wie Tonleiterübungen oder Tonaushalten nicht durch Variationen und Verzierungen, neue rhythmische Wendungen oder hinzugefügte Begleitstimmen zu musikalischen Schätzen machen?«

Guggenberger ergänzt hierzu, dass Wiederholung keineswegs Monotonie bedeuten muss: »Wir spielen zwar im Laufe unseres Bläserlebens tausende Male ähnliche Tonleitern oder Bindeübungen, aber auch wenn wir immer wieder das gleiche üben, spielen wir eigentlich nie genau dasselbe. Die mentale Einstellung, mit der ich an eine Wiederholung herangehe – das Suchen nach einem noch schöneren Klang, einer noch besseren Phrasierung –, entscheidet darüber, ob die Übung zur tödlichen Routine wird oder zu einem zutiefst produktiven, befriedigenden Vorgang.«

Weg von der Reißbrett-Didaktik: Individualität & Baukastensysteme

Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Erkenntnis, dass man Lernende individuell und ohne Schablone betrachten sollte – das klassische One-size-fits-all hat in der modernen Musikpädagogik definitiv ausgedient.

»Wenn der Unterricht für jeden Schüler exakt gleich ablaufen würde, wäre das fürchterlich – dann könnte man uns Lehrende bald durch eine Künstliche Intelligenz ersetzen«, betont Thielemann schmunzelnd, aber bestimmt. »Lineare Lehrmittel, bei denen man einfach nur Woche für Woche starr von einer Seite zur nächsten umblättert und dann von immer neuen Hürden überrascht wird, die es zu bewältigen gilt, sollten der Vergangenheit angehören. Wir brauchen flexibles Material und Lehrende, die wirklich in Resonanz mit dem jeweiligen Individuum gehen. Die Musik muss wieder im Zentrum stehen!«

Wie ein solches flexibles Baukastensystem in der Praxis aussieht, zeigen Guggenberger und Thielemann in ihren eigenen Lehrwerken »Basics Plus 4.0« und »Trumpet World«: Statt starrer Seitenabfolgen setzen sie auf modulare Übebausteine, die sich dem Tempo des Schülers anpassen.

Zur modernen Didaktik gehört laut Thielemann und Guggenberger auch ein gut sortierter, vielseitiger »Werkzeugkasten« zu Hause. Viel zu oft scheitere die Freude am täglichen Instrumentalkontakt daran, dass Schülerinnen und Schüler monatelang an einer einzigen schweren Notenseite festbeißen, weil der Entwicklungsabstand im Lehrbuch viel zu steil und technikfixiert ist.

Eine breite Auswahl an Notenliteratur – gerne auch mal gebraucht angeschafft oder aus der Musikschulbibliothek geliehen – lässt Lernende selbst auf Entdeckungsreise gehen. Wenn der Schüler das Gefühl hat, aus einem Baukastensystem wählen zu können, statt ein Pensum abzuarbeiten, bleibt die Neugier wach.

»Song and Wind«: Die Macht der inneren Klangvorstellung

Ein Blechblasinstrument unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von einem Klavier oder einer Orgel: Man drückt keine vorgefertigte Taste und ein bereits im Instrument »eingebauter« Ton erklingt. Ein Blechblasinstrument ist lediglich ein Verstärker. Für die Klangproduktion ist ausschließlich unser Körper – Luft und Lippen – und unsere Tonvorstellung verantwortlich. Wer sauber intonieren, Töne zielsicher treffen und musikalisch ausdrücken möchte, braucht vor allem eine intensiv geschulte innere Vorstellung der Musik und fließende Luft, die die Lippen in Schwingung versetzt.

Wolfgang Guggenberger verweist hierbei auf das weltberühmte Credo der Chicago-Symphony-Legende Arnold Jacobs: »Song and Wind«. Die Luft (Wind) ist lediglich der Treibstoff, der die Lippen zum Schwingen bringt. Aber der innere Gesang (Song) ist das Navigationssystem, das die Luftführung, den Ansatz, die Zunge usw. steuert und Mechanik in Musik verwandelt.

Was die Gehirnforschung über das Üben verrät

Guggenberger untermauert diesen pädagogischen Ansatz mit einer faszinierenden Studie aus der Neurophysiologie: Hirnforscher legten Pianistinnen und Pianisten die Noten eines ihnen gut bekannten Stückes vor. Die Probanden sollten das Stück nur im Kopf durchdenken, ohne das Instrument auch nur zu berühren. Mittels hochempfindlicher Elektroden an den Fingern konnten die Forscher feine Muskelaktivitäten messen.

Allein durch das visuelle Erfassen der Noten und das dadurch ausgelöste Klingen der Musik im Kopf wurden im Gehirn die physischen Bewegungsimpulse angetriggert. Bei erfahrenen Profis war dieser Effekt noch um ein Vielfaches ausgeprägter als bei Amateuren. Für die alltägliche Praxis am Blasinstrument hat diese Erkenntnis gewaltige Konsequenzen: Wer keine klare innere Vorstellung von der Musik – Klang, Puls und Rhythmus, Phrasierung – hat, kann sie auf dem Instrument nicht gezielt und mühelos erzeugen.

»Wir stellen leider fest, dass in unserer heutigen Gesellschaft im Alltag viel zu wenig gesungen wird«, bedauert Kristin Thielemann. In ihrer eigenen Unterrichtspraxis, ebenfalls auf Song and Wind basierend, geht sie deshalb bewusst neue Wege: Bevor ein neues Stück auf dem Instrument geblasen wird, wird es zunächst angehört, mit- oder vorgesungen, gesummt, vielleicht nur mit den Fingern auf den Ventilen mitgegriffen oder die Töne ohne Klang ins Instrument »gepustet«. 

Das verblüffende Ergebnis: Setzt der Schüler das Instrument schließlich an die Lippen, spielt er das Stück gedanklich nicht zum ersten, sondern bereits zum vierten oder fünften Mal. Das beschert viel schnellere Erfolgserlebnisse, vermeidet Frustration, verkrampften Ansatz und führt zu einem sofortigen Erfolgserlebnis mit natürlicher Phrasierung.

Digitalisierung: Hilfreicher Kompass, aber kein Ersatz für das eigene Gehör

Ob integrierte QR-Codes, Begleit-Videos oder aufwändig produzierte Playalong-Tracks: Moderne Unterrichtswerke nutzen die digitale Welt heute intensiv. Doch wie verändert das das Übeverhalten und die Rolle der Lehrkraft?

»Jenseits von Ablenkung durch einen medialen Dauerkonsum können digitale Medien fantastische Ideengeber und Motivationsverstärker sein«, berichtet Thielemann aus der Praxis. Wenn Schülerinnen und Schüler in Playlists stöbern, in Videos beobachten, wie Profis atmen, ansetzen und Phrasen gestalten, setzt das oft enorme Leistungsschübe frei. Das Hören wird geschult, der Stil begreifbar.

Guggenberger mahnt jedoch auch zur Differenzierung und Dosis-Kontrolle: »Playalongs machen das Üben extrem flexibel und klanglich attraktiv. Aber sie dürfen uns nicht die eigentliche mentale Arbeit abnehmen. Wenn ich mich als Bläser nur noch hinter einem klickenden Metronom oder dem satten Sound der Begleit-Band verstecke, entsteht eine gefährliche Passivität. Ähnlich wie ein Metronom primär nur die Kontrolle für das eigene Rhythmusgefühl sein darf, dürfen die digitalen Medien nicht unser eigenes kreatives musikalisches Denken ersetzen: Nutzen als Inspiration und Klangerlebnis – absolut ja! Aber das eigenständige Bewerten, das feine Hinhören und das eigenverantwortliche Gestalten müssen immer im Zentrum des Übens stehen. Der individuelle Überhythmus – langsam üben, wann wiederhole ich welche Passage usw. – darf nicht vom Playalong bestimmt werden«

Fazit & Ausblick auf Teil 2

Üben ist keine Strafe, kein bloßer Zwang und erst recht keine reine »Lippengymnastik«. Wenn es gelingt, die innere Klangvorstellung zu aktivieren, Lehrmaterialien flexibel anzupassen und Übungen von der lästigen Pflicht zum musikalischen Ritual umzugestalten, wird das Instrument vom Stressfaktor zum persönlichen Rückzugsort.

Doch was passiert, wenn trotz bester Methoden die Motivation im Schüleralltag doch einmal komplett einfriert? Wie wirken die unbewusste Haltung und Empathie der Lehrkraft auf den langfristigen Lernerfolg? Und warum ist ein zugewandter Musikunterricht vielleicht die wichtigste Lebensschule für unsere moderne Gesellschaft?

Lesen Sie im nächsten Heft (Teil 2): »Mehr als Töne – Über den Placebo-Effekt im Unterricht, die Magie der Stille und die pädagogische Haltung als Erfolgsfaktor.«

Die Experten & ihre Werke 

Thielemann
Kristin Thielemann (Foto: G.Kneiber / Picture People)

Kristin Thielemann: Musikerin, Pädagogin und gefragte Fachautorin. Mit ihrem Werk »Trumpet World« (Schott Music) hat sie ein flexibles, stilistisch breites Lehrmaterial geschaffen, das gezielt die Entdeckerlust fördert und das innere Hören in den Mittelpunkt stellt. https://www.brawoo.de/kristin-thielemann-trumpet-world/

Wolfgang Guggenberger (Foto: privat)

Prof. Wolfgang Guggenberger: Professor für Trompete und erfahrener Fachdidaktiker. Sein Standardwerk »Basics Plus« (Verlag Rundel), nun erweitert um »Basics Plus 4.0« (Musikverlag Martin Schmid), verbindet fundierte Blechblastechnik mit musikalischem mehrstimmigem Spiel, Texte und Videos zu verschiedenen Themen der Blastechnik und mentalen Aspekten und modern eingebundenen digitalen Medien. https://www.brawoo.de/warum-basics-plus-4-0-das-tagliche-uben-revolutioniert/