Wenn Reinhold Friedrich im kommenden Sommer seine Zeit als Professor an der Hochschule für Musik Karlsruhe beschließt, dann nicht mit einem pflichtschuldigen Galakonzert – sondern mit einem Format, das die Vergangenheit und Gegenwart verbindet und als Ausrufezeichen die Trompetenwelt in die Zukunft katapultieren wird: Die Festivalwoche Tschüss – Adios – Sayonara vom 20. bis 26. Juli 2026
Als klingendes Klassentreffen, als Werkstatt, als Bühne für Gegenwart und Zukunft ist sie gedacht, die Festivalwoche, deren Hauptsitz das Schloss Weikersheim – 40 Kilometer südlich der Frankenmetropole Würzburg. Wer Friedrich kennt, kennt diesen Impuls: Musik nicht verwalten, sondern ermöglichen. Menschen zusammenbringen. Räume öffnen. Neugier organisieren. Und dabei: höchste Ansprüche – an Klang, Stil, Haltung.
Reinhold Friedrich gilt seit Jahrzehnten als wegweisender Trompeter unserer Zeit. Als Musiker, der Barock, Klassik, Moderne und zeitgenössische Avantgarde nicht nebeneinanderstellt, sondern miteinander ins Gespräch bringt. Und er gehört zu den erfolgreichsten Professoren seiner Generation. Nicht nur wegen der zahlreichen Karrieren seiner ehemaligen Studierenden, sondern weil aus seiner Klasse ein internationales Netzwerk wurde. Solistinnen/Solisten, Orchestermusikerinnen und -musiker, Pädagoginnen und Pädagogen, Dirigentinnen und Dirigenten – viele mit Professuren, viele kurz davor. Genau diese Konstellation macht die Abschiedswoche zu mehr als einer Feier. Sie wird zur Momentaufnahme einer Schule, die längst global wirkt.
Eine Woche als Festival: feiern, arbeiten, erzählen
Die Grundidee ist denkbar einfach und gleichzeitig radikal. Friedrich möchte mit Freunden, Weggefährten und ehemaligen Studierenden eine Woche lang zusammen sein, gemeinsam essen, proben, erzählen. Und abends Konzerte spielen, die sich wie ein Panorama lesen. Die talentiertesten Trompeterinnen und Trompeter der kommenden Generation, Perspektiven von Frauen auf die Trompetenwelt, Barock, »All Stars«, Party, Gala – und am Ende ein Konzert, das ausdrücklich nach vorn zeigt.
Es geht Reinhold Friedrich hierbei nicht um Denkmalschutz, sondern um Lebendigkeit. Tagsüber sollen Begegnungen entstehen, die man im Konzertbetrieb selten bekommt – Zeit, um miteinander zu sprechen, sich zuzuhören, Geschichten zu teilen. Der Ausnahmemusiker trägt sogar die Idee in sich, aus dieser Woche ein Buch zu machen. Anekdoten, Lebensläufe, Hintergründe – ein kollektives Gedächtnis einer Szene, die sonst oft nur in Programmbroschüren anklingt.
Der größte Meisterkurs der Welt
So feierlich die Abende mit ihren Konzerten (siehe Kasten) sein werden – die Woche ist ebenso Arbeitswoche der Superlative. An jedem Vormittag laufen in mehreren Räumen parallel Unterrichtsangebote, die wie auf einem Festival der Möglichkeiten nebeneinanderstehen. An einer Tafel wird ausgehängt, wer welches Thema übernimmt. Von Bach bis zu Orchesterstudien der Opern von Richard Strauss, von Mahler-Probespielstellen bis zu elementaren Basics, Atem- und Körperübungen. Wer teilnehmen möchte, trägt sich ein, nimmt eine Stunde Unterricht oder hört einfach zu. Nach dem gemeinsamen Mittagessen folgt täglich ein Vorspielblock. Im Anschluss, von 15:30 Uhr bis zum Abendessen, öffnen sich die Räume für Roundtables, Diskussionsrunden und Workshops – ein dichtes Geflecht aus Austausch, Erfahrung und Weitergabe. In dieser Struktur verdichtet sich, was Reinhold Friedrich über Jahrzehnte als Pädagoge geprägt hat. Ein offenes System, in dem viele Stimmen zugleich lehren, lernen und voneinander profitieren – der wahrscheinlich größte Trompeten-Meisterkurs der Welt.
Die Konzerte – geschichtsträchtig
Die Abende dieser Woche lesen sich wie eine musikalische Erzählung. Den Auftakt bildet am 20. Juli Young Wild Trumpet – ein bewusstes Signal in Richtung Zukunft. Hier steht der junge japanische Trompetenstar Hayato Kodama auf der Bühne, flankiert von einer ganzen Reihe aktueller und ehemaliger Studierender, die die Zukunft der Trompetenwelt sein werden wie Simon Binon, Jon Vielhaber, Jasmin Gera, Robin Payet und Filippo Lombardi. Reinhold Friedrich spricht von einem jener Abende, von denen man später sagen wird, hier habe die „Crème de la Crème“ einer Generation zusammengestanden. Am zweiten Abend, 21. Juli, wechselt die Perspektive radikal. Eine Disco- und Technoparty im Schloss, aufgelegt von seinem Sohn Max Friedrich (DJ Max) und einem Berliner DJ, verwandelt den Abschied in ein Fest der Gegenwart.
Mit Femme Fatale – Komponist:innen und Trompeter:innen setzt der 22. Juli einen eigenen Akzent. Die Trompeterin Sarah Slater, Professorin für Kammermusik, organisiert einen Konzertabend, an dem Frauen im Zentrum des Geschehens stehen. Der 23. Juli gehört dem Barock. Unter der Leitung von Tobias Krieger, Solotrompeter im Sinfonieorchester Münster, erklingt unter anderem Heinrich Ignaz Franz Bibers Sonata Sanci Polycarpi für acht Trompeten und Pauken. Ergänzt durch ein Programm Arien mit obligater Trompete, gesungen von Countertenor und Trompetenprofessor Yosemeh Adjei, begleitet von einem Streicherensemble. Namen wie Michael Maisch, Stefan Schultz oder Lina-Marie Batteux stehen exemplarisch für die stilistische und personelle Bandbreite des Netzwerks. Der Freitag schließlich bündelt im Konzert »All Stars« noch einmal die Kräfte. Unter anderem mit Andrei Kavalinski, Nenad Marković und Laura Vukobratović.
Höhepunkt der Woche ist die Barock-Gala am Wochenende in der Stadtkirche Karlsruhe
Ein besonderer Höhepunkt der Woche ist die Barock-Gala am Wochenende in der Stadtkirche Karlsruhe. Hier steht Reinhold Friedrich noch einmal selbst im Zentrum. Mit Johann Sebastian Bachs Zweitem Brandenburgischen Konzert – jenem ikonischen Werk, das wie kaum ein anderes für Virtuosität, Strahlkraft und barocke Festlichkeit steht. Hinzu kommt das Konzert für drei beziehungsweise sechs Trompeten, zwei Oboen, Fagott, Pauken, Streicher und Basso continuo von Gottfried Heinrich Stölzel sowie Konzerte von Georg Philipp Telemann, Johann Sebastian Bach und Antonio Vivaldi, die bewusst groß dimensioniert angelegt sind – nicht in kammermusikalischer Besetzung, sondern mit bis zu zwölf Trompeten erweitert und klanglich monumental gedacht.
Ein ausgedehnter Japan-Block unterstreicht an diesem Abend die internationale Ausstrahlung seiner Klasse. Mit dem Werk Song for Japan von Steven Verhelst und Gästen wie Kazuaki Kikumoto, Solist des NHK-Orchestra, dem Rundfunkorchester Tokios, Shuichi Katawa, dem Solotrompeter des Tokyo Philharmonic Orchestra sowie weiteren ehemaligen Studierenden aus Japan wird die enge künstlerische Verbindung zwischen Karlsruhe und Asien hör- und sichtbar – ein klingendes Zeichen dafür, wie weit Reinhold Friedrichs pädagogisches Wirken reicht.
Den Schlusspunkt der Woche, der im Wolfgang Rihm Forum der Hochschule für Musik Karlsruhe stattfinden wird, setzt ganz bewusst kein Rückblick, sondern bietet einen zukunftsgerichteten Blick. »Das letzte Konzert muss in die Zukunft blicken«, sagt Friedrich – und bündelt fünf Uraufführungen und neue Werke für acht Trompeten und Ensemble von Jörg Mainka (Professor für Komposition an der Hochschule der Künste Berlin), dem italienischen Komponisten Luca Lombardi, der slowenischen Komponistin Nina Šenk, der Kroatin Veronika Reutz Drobnić und dem Nachfolger Wolfgang Rihms Prof. Markus Hechtle. Hinzu kommt ein groß angelegtes Werk für 24 Trompeten von Reinhold Friedrichs ehemaligen Klassenkameraden Martin Widmaier. Am Ende steht Wolfgang Rihms »Abschiedsmarsch« – kein sentimentales Verweilen, sondern ein konzentriertes Zeichen zum Aufbruch in die Zukunft.
Reinhold Friedrichs Vermächtnis als Musiker und Lehrer
Wer diese Namen, Konzertideen und Kursthemen liest, dem ist klar: Diese Woche ist kein Schlussstrich, sondern eine Art Verdichtung dessen, wofür Reinhold Friedrich steht. Für Musizieren und Trompete spielen, das stilistisch offen und künstlerisch kompromisslos ist – und für eine Pädagogik, die nicht auf »Schule« im engen Sinn zielt, sondern auf Selbstständigkeit, Vielseitigkeit und Verantwortung. Im Gespräch zu diesem Beitrag zeigt sich Friedrich weniger als jemand, der den »Stein der Weisen« beansprucht, sondern als ein Ermöglicher. Methoden dürfen nebeneinander existieren, Einflüsse werden nicht abgewehrt, sondern fruchtbar gemacht.
Dass sich dieses Denken nun in einer Woche materialisiert – mit Unterricht, Workshops, Roundtables, Party und Programmen von Barock bis Avantgarde – wirkt wie die konsequente Form eines Lebens in Musik: nicht rückwärtsgewandt, sondern verbindend. Und am Ende, ganz im Sinn Reinhold Friedrichs, steht nicht das Museum, sondern die Perspektive.
Termine und Tickets
Aktuelle Informationen gibt es unter www.reinhold-friedrich.de
20. Juli 2026 / 19 Uhr: Young Wild Trumpet; Schloss Weikersheim, Gewehrhaus, Eintritt frei
22. Juli 2026 / 19 Uhr: Femme Fatale – Komponist:innen und Trompeter:innen; Schloss Weikersheim, Gewehrhaus, Eintritt frei
23. Juli 2026 / 19 Uhr: Barockkonzert auf historischen Instrumenten mit Werken von H.I.F. Biber, A. Vivaldi , C.Ph.E. Bach , N.A. Porpora , G. Torelli; Stadtkirche Weikersheim, Eintritt frei
24. Juli 2026 / 19 Uhr: All Stars Concert; Tauberphilharmonie Weikersheim / Eintritt frei
25. Juli 2026 / 19 Uhr: Barockes Galakonzert mit 50 Trompetern (u.a. mit dem zweiten Brandenburgischen Konzert und der Orchestersuite Nr. 3 von Bach sowie der Feuerwerksmusik von Händel); Stadtkirche Karlsruhe, Tickets über www.ztix.de
26. Juli 2026 / 18 Uhr: Neue Musik für neue Ohren (Werke von Nina Šenk, Veronika Reutz, Sofia Gubaidulina , Kathrin Denner, Luca Lombardi, Markus Hechtle , Jörg Mainka , Martin Widmaier und Wolfgang Rihm); Wolfgang Rihm Forum, Hochschule für Musik Karlsruhe, CampusOne, Tickets über hfm-karlsruhe.de


